Hochschule

Lehre Der Einsatz von digitalen Medien in Vorlesungen und Seminaren verändert das Studieren enorm / Uni fördert deren Ausweitung

Videoschaltungen waren gestern

Ein Professor hält vor Studierenden der Universität Mannheim eine Vorlesung, währenddessen schauen sich Studierende in Karlsruhe und Freiburg dieselbe Vorlesung per Echtzeitübertragung aus Mannheim im Hörsaal an. Bei Fragen können sie jederzeit per Chat den Professor unterbrechen und nachhaken. Was sich anhört wie Zukunftsmusik, war ein Projekt im Jahr 1995.

Das sogenannte Teleteaching war einer der ersten Versuche an der Uni Mannheim, Lehre und Multimediatechnik zusammenzubringen. Der Anstoß dazu kam aus der Forschung. "Damals war das Internet zwar sehr langsam und die Bildschirmauflösung unbefriedigend, aber es war absehbar, dass alles besser werden würde", so Wolfgang Effelsberg, Professor für Informatik, der damals das Projekt Teleteaching an der Uni Mannheim in Kooperation mit den Universitäten in Karlsruhe und Freiburg leitete. Effelsberg gibt rückblickend zu: "Das Format hat sich wegen unterschiedlicher Zeitblöcke und einer umständlichen Abwicklung der Prüfungen in drei Unis nicht bewährt. Trotzdem waren die Studierenden sehr interessiert, da es etwas ganz Neues war."

Heute sieht das e-Learning in der Mannheimer Lehre anders aus. Zum Beispiel ermöglichen es Live-Umfragen in Vorlesungen, Lehrenden anonym und in wenigen Sekunden mit Hilfe von Smartphones das Wissen der Studierenden abzufragen. "Diese Live-Umfragen machen die Vorlesung interaktiver und ich habe ein Feedback, wie mein Wissensstand ist. Und der Professor sieht, ob er das Thema noch mal erklären sollte", lobt der 21-jährige VWL-Student Kris Gericke diese Variante des e-Learnings. Einige Professoren an der Uni Mannheim nehmen ihre Vorlesungen auf Video auf und stellen diese auf einer digitalen Plattform den Studierenden zu Verfügung. Vorlesungen seien nur eine Art des Wissenstransfers. Wenn Studierende lieber mit dem Lehrbuch arbeiten würden, sei das völlig legitim, meint Toni Stocker.

50 000 Euro für neue Konzepte

"Wenn es möglich ist Vorlesungen aufzunehmen, dann gebe ich Studierenden die Möglichkeit, bestimmte Sequenzen zu wiederholen. Ich verbiete Studierende auch nicht, Seiten im Buch zweimal zu lesen", begründet Stocker seine Entscheidung, wieso er seit vier Jahren seine Statistik-Vorlesungen aufnimmt. Die 20-jährige Anglistik-Studentin Ellen Robinson ist begeistert von den Vorlesungsvideos: " Ich bin absolut flexibel und ich kann lernen, wann und wo ich will."

Seit etwa drei Jahren unterstützt das Referat für Hochschuldidaktik der Uni Mannheim mit dem Projekt "e-Learning Service" Lehrende, die digitale Lernmethoden anwenden wollen. Das Projekt wird finanziert mit Mittel der Verfassten Studierendenschaft. Rund 50 000 Euro fließen 2017 in das Projekt, das von Niko Baldus geleitet wird. Die Mitarbeiter der Hochschuldidaktik unterstützen die Lehrenden zum Beispiel bei der Ausarbeitung eines didaktischen Konzepts oder mit Beratungen zum Inverted Classroom.

Im Inverted Classroom, was soviel wie "Umgekehrtes Klassenzimmer" heißt, werden die Lerninhalte aus den Präsenzzeiten ausgelagert. Das schafft Platz für Vertiefung und Diskussion in der Vorlesung. "Auch kümmern wir uns um die komplette Technik, wenn Lehrende eine Vorlesung aufnehmen wollen. Diese müssen dann eigentlich nur noch ihren Vortrag halten, den Rest macht der e-Learning-Service", sagt Projekt-Leiter Niko Baldus und weist darauf hin, dass es für die Lehrenden noch eine ungewohnte Situation sei. Bei allen Vorteilen, die eine Aufzeichnung hätte, müsse klar sein, dass das Anschauen eines Videos nicht automatisch bedeute, dass die Inhalte auch gelernt werden.

Datenschutz beginnt im Hörsaal

Der 23-jährige Politik-Student und Fachschaftsratsvorsitzende Christoph Jacobs wünscht sich einen weiteren Ausbau des e-Learnings, da sich der Einsatz je nach Fakultät unterscheide. Er betont: "Das e-Learning kann nie die Präsenzlehre ersetzen. Es sollte nur zur Verbesserung der Lehre genutzt werden."

Mit der digitalen Lehre beschäftigt sich auch Dirk Ifenthaler. Sein Forschungsgebiet ist digitales Lernen im Bildungskontext an der Uni Mannheim. Er sieht vor allem im Analysieren des Verhaltens von Studierenden und Lehrenden eine Chance, die Lehre optimal zu gestalten. "In Zukunft kann es mit Hilfe von gesammelten Daten möglich sein, Studierende zu vernetzen, die gerade das Gleiche lernen, um Lerngruppen zu bilden, die sich sonst nicht gefunden hätten. Auch wird es möglich sein, selbstgesetzte Lernziele der Studierenden zu überwachen und Ihnen Feedback zu ihrem Lernfortschritt zu geben. Das wirft natürlich Fragen des Datenschutzes und der Ethik auf", so der Professor.