Hochschule

Interview Jan Stievermann ist gegen die Trennung von Universität und Religion, worüber er heute Abend mit Theresia Bauer diskutiert

„Wir müssen neue Wege finden“

Archivartikel

Universität und Religion haben in Deutschland eine besondere Verbindung, sagt Jan Stievermann, Professor für Geschichte des Christentums in den USA an der Universität Heidelberg. Heute Abend diskutiert er in Heidelberg mit Bildungsministerin Theresia Bauer über diese Verbindung. Vorab hat er mit dieser Zeitung per Telefon gesprochen.

Herr Stievermann, welche Rolle spielt Religion an deutschen Unis?

Jan Stievermann: Es gibt in dieser Frage eine Art deutsches Modell: Eine religionsfreundliche Säkularität. Also einerseits die Universitäten als Einrichtungen des weltanschaulich-religiös neutralen Staates, an dem Wissenschaft nach Methoden und Standards wissenschaftlicher Forschung betrieben wird. Anderseits aber Universitäten auch als Ort theologischer Ausbildung und auch als Ort, an dem Religion gelebt und praktiziert werden kann. Anders als es an den staatlichen Universitäten in anderen Ländern, wie zum Beispiel in den USA oder Frankreich, der Fall ist.

Ändert sich das in Deutschland?

Stievermann: Es sind zwei große sozialkulturelle Entwicklungen, die das System unter Druck bringen, wobei das hier im Südwesten noch schwächer ausgeprägt ist als etwa in Berlin oder in Hamburg. Das eine ist natürlich die Pluralisierung der Gesellschaft durch Einwanderung, was ja auch eine religiöse Pluralisierung mit sich bringt. Und das andere ist die Entkirchlichung der Gesellschaft. Und beide Entwicklungen werfen die Diskussion über das Verhältnis von Universität und Religion jetzt auf, die teilweise schon heftig geführt wird.

Worüber wird konkret gestritten?

Stievermann: Was die Pluralisierung angeht, zum Beispiel über die Nutzung von Räumen für Gebete von Studierendengruppen, das Tragen religiöser Symbole und so weiter. Und ich bin mir sicher, dass irgendwann der neue Antisemitismus oder die Islamfeindlichkeit auch an den Universitäten ankommt, so dass man da möglicherweise neu regulieren muss.

Was kann man da tun?

Stievermann: Einige Universitäten, wie die in Hamburg, haben sich jetzt zum Beispiel einen religiösen Verhaltenskodex gegeben, ein Regelwerk, wie Religion auf dem Campus gelebt werden kann. Und hier in Heidelberg hat man zwei Räume der Stille eingerichtet, die von allen religiösen Gruppen genutzt werden können, wo auch Muslime beten können. Konflikte hat es hier bislang keine gegeben. Anderenorts wurden dann aber schnell Forderungen nach exklusiver Nutzung laut. Die baden-württembergische Politik ist aber daran interessiert, allen zur Verfügung stehende Einrichtungen zu schaffen.

Wie sieht es mit der religiösen Ausbildung an den Universitäten aus?

Stievermann: Die ist durch die Staatskirchenverträge der Länder geregelt und gesichert. Es gibt aber Humanistenverbände. Die wollen Kirche und Staat strikt trennen. Die haben derzeit allerdings keine große Lobby. Und es wird immer mal wieder von verschiedenen politischen Gruppierungen (zum Beispiel in der Linken) aufgebracht. Meiner Wahrnehmung nach ist das im Moment noch sehr im Hintergrund.

Wie kann man der wachsenden religiösen Pluralität gerecht werden?

Stievermann: Grundsätzlich gibt es den Trend, in Analogie zu der Kooperation mit den christlichen Kirchen auch islamische Ausbildungsstrukturen an den Universitäten zu etablieren, zum Beispiel durch das Schaffen islamischer Theologie. Das ist aber schwierig, da die Islamverbände auch untereinander zerstritten sind. Und die Frage ist dann auch, welchen anderen Gruppen man dieses Recht zugesteht, ab welcher Größe zum Beispiel. Aber ich glaube, dass das der beste Weg ist.

Sie sind nicht dafür, Religion und Uni in Deutschland zu trennen?

Stievermann: Nein, auf keinen Fall. Ich denke, wir müssen aber neue Wege finden, die Ausbildungsstrukturen und das religiöse Leben in der Universität an die Pluralität der Gesellschaft anzupassen. Wenn man die Ausbildung von Religionslehrern bzw. von Priestern und Pfarrern aus den Universitäten verbannen würde, hätte der Staat keinen Einfluss mehr darauf, wäre die Theologie vom Gespräch der Wissenschaften abgeschnitten. Zu welchen Problemen das führen kann, sieht man etwa an privaten „Bible Colleges“ in den USA, in den fundamentalistische Gruppen die Möglichkeit haben, sich in eine homogene religiöse Blase zurückzuziehen.