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Die Meisterin am Besen

Archivartikel

„Gibt es das wirklich?“ Diese Frage hat Justine Borchardt schon unzählige Male gehört. Die 27-Jährige Schauspielerin und Vorsitzende des Vereins Mannheimer Greife muss immer wieder erklären, wie die Sportart funktioniert, die sie so gerne betreibt. Ihr Name: Quidditch.

Eine magische Sportart erobert die Herzen

Der Sport hat seinen Ursprung in den „Harry Potter“-Romanen der britischen Schriftstellerin Joanne K. Rowling. In den Büchern ist Quidditch eine Mannschaftssportart, bei der zwei Teams mit jeweils sieben Spielern gegeneinander spielen. Sie fliegen auf Besen und müssen versuchen, in eines der drei ringförmigen Tore zu treffen, die jeweils an den Enden des Spielfeldes stehen. In zwanzig Metern Höhe sind die Tore angebracht. Im Quidditch, wie es im wahren Leben gespielt wird, stecken die Ringe auf Pfählen, die in den Boden gerammt werden. Das Feld ist meistens halb so groß wie ein Fußballplatz, die Mannheimer Greife trainieren auf den Anlagen der Mannheimer Universität.

2005 hat ein Student in den USA Quidditch für das echte Leben entwickelt. Am weitesten verbreitet ist der Sport seitdem in den USA, Australien und England. Seit 2014 gibt es ihn auch in Deutschland. Hierzulande gibt es bereits 40 Vereine. Im Jahr 2018 ging bereits die vierte Weltmeisterschaft über die Bühne. Sie findet alle zwei Jahre statt. Eine Mannschaft kann aus 21 Leuten bestehen, sieben davon auf dem Feld. Da das Rennen sehr anstrengend ist, kann ständig durchgewechselt werden.

Quaffel, Klatscher & Schnatz

Insgesamt vier Bälle gibt es bei der magischen Sportart mit dem etwas sperrigen Namen. Sie haben unterschiedliche Funktionen. Zum einen wäre da der Quaffel zu nennen. Er wird auf die Tore geworfen – mit dem Ziel, durch einen der Ringe zu treffen. Im wahren Leben verwenden die Spieler einen Volleyball. „Den kann man am besten greifen“, sagt Justine.

Zudem gibt es zwei Klatscher. Dabei handelt es sich in den Büchern um zwei von selbst angetriebene, große schwarze Bälle, die die Spieler von ihren Besen stoßen sollen. Wenn die Mannheimer Greife und ihre Gegner im Ligaalltag spielen, kommen dabei andere Bälle, ähnlich groß wie ein Volleyball, zum Einsatz. Ein weiterer Unterschied: Im wahren Leben sind insgesamt drei und nicht nur zwei Klatscher im Spiel. Die Spieler werfen die Bälle selbst und versuchen, Spieler des gegnerischen Teams zu treffen. Wer getroffen wurde, muss aussetzen, zu den eigenen Torstangen rennen, diese berühren und darf erst dann weiter machen.

Der letzte Ball ist der kleinste – und einer der Wichtigsten: der Schnatz. In den Büchern und Filmen ist er kaum vier Zentimeter groß. Er ist golden und hat eigene Flügel. Wenn er gefangen wird, ist das Spiel vorbei. Das Team desjenigen, der den Ball gefangen hat bekommt zusätzlich 150 Punkte. Meistens ist das Spiel damit auch gewonnen, es sei denn, die gegnerische Mannschaft hat bis zu dem Zeitpunkt bereits so oft durch die Ringe getroffen, dass sie mehr Punkte hat. Jeder Treffer durch einen der Ringe gibt zehn Punkte. Im wahren Leben ist es (leider) nicht möglich, so einen Ball zu kreieren. Deshalb ist der Schnatz ein Mensch. Er trägt einen Tennisball in einem kleinen Beutel bei sich. Mit einem Klettverschluss ist der Beutel am Gürtel des Schnatz-Spielers beschäftigt. Ziel der Quidditch-Spieler ist es, dem Schnatz-Spieler den Ball zu entreißen. Während in den Büchern und Filmen der Schnatz von Anfang an mit im Spiel ist, kommt er im wahren Leben erst nach 17 Minuten auf das Feld. Ein weiterer Unterschied: Wer den Schnatz fängt, bekommt beim Quidditch, wie Justine und ihr Team es spielen, nur 30 Punkte.

Jedes Teammitglied hat seine Aufgabe

Die Spieler in einem Team haben die unterschiedlichsten Aufgaben. Unter anderem gibt es den Hüter. Seine Aufgabe ist mit der eines Torwarts im Fußball vergleichbar. Darüber hinaus hat ein Team auch Treiber und Jäger, die sich um das Spiel mit dem Quaffel und den Klatschern kümmern. Dem Sucher, in jeder Mannschaft gibt es einen, kommt eine besondere Bedeutung zu. Er muss den Schnatz fangen. In den Büchern hat Harry Potter diese Aufgabe.

Er war es auch, der für Justine eine wichtige Rolle spielte, als sie sich 2016 dazu entschied, den Verein Mannheimer Greife zu gründen. „Bei mir spielt Harry Potter quasi mit. Ich bin damit aufgewachsen und habe vor der Veröffentlichung eines neuen Bandes stets mitgefiebert“, sagt sie. Aber es gebe in ihrem Verein auch viele, die nicht einmal die Bücher gelesen hätten, ergänzt sie. Und genau das ist es, was ihr so gut an dem Sport gefällt. „Er ist offen für so viele Menschen. Die jüngste Spielerin in unserem Team ist 18 und der älteste 32“, sagt Justine. Zudem sind bei dem Sport – sowohl im Buch als auch im wahren Leben – alle Geschlechter in einem Team vertreten.

Justine kommt ins Schwärmen, wenn sie von ihrer Sportart erzählt. „Ich liebe diese Community, sie hält zusammen und ist so gut vernetzt“, sagt sie. Dafür hat sie auch ein Beispiel. Während Spielen an heißen Tagen gibt es manchmal Trinkpausen. Dann versorgen Spieler, die am Rand stehen, die Spieler auf dem Feld mit Wasser – und zwar alle: „Auch die des gegnerischen Teams und die Schiedsrichter bekommen dann Wasser von uns“, sagt Justine und hat dabei ein Leuchten in den Augen. Bei diesem Sportsgeist kommt aber der Ehrgeiz nicht zu kurz. „Natürlich sind wir unglücklich über eine Niederlage“, sagt Justine.

Kunststoffrohr statt Besen

Eine solche müssen auch die Helden aus den Büchern von Joanne K. Rowling immer wieder einstecken. Von einem der wichtigsten Unterschiede zwischen Buch und realem Leben war allerdings noch gar nicht die Rede: dem Flug auf dem Besen. In Buch und Film reiten die Spieler darauf. Auch das versuchen die Quidditch-Spieler zu simulieren. Ein etwa ein Meter langes und wenige Zentimeter breites Kunststoffrohr müssen sie zu jeder Zeit des Spiels zwischen den Beinen führen. „Das ist auch das, worüber manche lachen“, sagt Justine. Was auf den ersten Blick etwas seltsam aussieht, ist eine zusätzliche Herausforderung für die Quidditch-Spieler. „Eigentlich habe ich meistens nur eine Hand frei“, sagt Justine. Sobald der Besen herunterfällt, muss der Spieler zurück zu den eigenen Torstangen und sie abklatschen. „Das ist ärgerlich, denn für eine kurze Zeit darf ich nicht mitspielen.“

Anspruchsvoller als man denkt

Um das ganze Spielgeschehen zu überwachen, gibt es bis zu sechs Schiedsrichter. Einer davon hat den Gesamtüberblick und den Blick über die Tore. Andere sind nur damit beschäftigt, zu schauen, wer abgeworfen wurde und wer nicht. Ein weiterer Schiedsrichter ist nur für den Schnatz abgestellt und überwacht, dass alles mit rechten Dingen zugeht, wenn sich ein Sucher den Schnatz sichert.

Besonders Ausdauer ist gefragt, wenn man erfolgreich Quidditch spielen will, sagt Justine. Sie denkt dabei an die Sucher, die um den Schnatz kämpfen müssen. Sie werden häufig mit dem Klatscher abgeworfen, müssen kurz aussetzen, während sie zu den Torstangen zurückrennen und sie abklatschen. „Das geht wirklich in die Beine“, sagt Justine. Um möglichst fit zu sein, trainieren die Mannheimer Greife drei Mal in der Woche. „Zwei Mal davon sind Quidditch, also Taktik und Spielzüge“, sagt Justine. Einmal in der Woche wird nur die Ausdauer trainiert. „Denn uns ist aufgefallen: Wenn wir kein Konditionstraining machen, halten wir das Tempo nicht durch“, sagt Justine.

Schritt für Schritt

Seit den ersten Jahren hat der Quidditch-Sport einige Entwicklungen durchgemacht. Ganz am Anfang habe man noch mit Holz-Besen gespielt, sagt Justine. „Doch da war das Verletzungsrisiko einfach zu groß“, fügt sie hinzu. Heutzutage muss der Schnatz-Spieler zudem im Spielfeld bleiben. „Früher konnte dieser einfach mit dem Bus davon fahren oder sich ein Eis kaufen“, sagt Justine und muss dabei grinsen. „Es gibt im Internet spektakuläre Videos von Spielern, die sich auf Haus-Dächern verstecken“, erzählt sie. Das sei irgendwann so chaotisch geworden, dass die Regeln enger gefasst wurden.

Eine lange Entwicklung ging auch dem Namen der Mannheimer Quidditch-Mannschaft voraus. Es gab zuvor auch zahlreiche andere Ideen. Manche Mannschaften bilden gerne Namen, die mit demselben Buchstaben beginnen wie die Stadt – für die Greife wäre das also irgendetwas mit „M“ gewesen. „Mannheimer Muggel wäre möglich gewesen“, sagt Justine. Doch das schied recht schnell aus, fährt sie fort und muss ein wenig lächeln. Das Wort Muggel steht in den Harry Potter-Romanen nämlich für Menschen, die keine Magie beherrschen und sich in den meisten Fällen ignorant gegenüber der Zauberkunst zeigen.