Ilvesheim

Ilvesheim Nach jahrzehntelanger Recherche erfüllt sich für 84-jährigen Franzosen ein Herzenswunsch

Am Grab seines Retters

Archivartikel

Im Zweiten Weltkrieg, inmitten einer Zeit menschlichen Wahnsinns, fanden sich auch immer wieder Menschen, die sich mutig entgegen aller zu befürchtenden Konsequenzen vor die Opfer stellten. Eine dieser berührenden Geschichten hatte den inzwischen 84-jährigen Franzosen Claude Brand jetzt nach Ilvesheim zu Eric Henn geführt. Denn dessen Großvater Ludwig Henn und Claude Brand verbindet eine Geschichte, die zwar nur einen kurzen Berührungspunkt innehat, jedoch für den Franzosen ein ganzes Leben bedeutet.

Mut und Würde

Es war im August 1944. Hauptmann Ludwig Henn, der beim Flieger-Regiment in Carcassonne in Südfrankreich stationiert war, rettete einem damals gerade mal neun Jahre alten Jungen das Leben. Dieser Junge war Claude Brand und er war nur noch wenige Minuten von einem sinnlosen Tod entfernt. Eric Henn kannte die Geschichte zwar aus den Erzählungen seines Großvaters Ludwig, umso beeindruckender war es, sie aus dem Mund des Mannes zu vernehmen, der diesen Schicksalsmoment erleben musste: „Ich war neuneinhalb Jahre alt an diesem Tag und ich habe niemals diesen Mann vergessen, welcher seitdem für mich Mut und Würde repräsentiert.“

Claude Brand aus dem Dorf St. Denis in Südfrankreich war als Botenjunge für die Resistance unterwegs. Für diese Kurierdienste – so genannte „Terroristische Aktivitäten“ – sollte der neunjährige Claude von der Abwehr-Geheimpolizei erschossen werden. Er stand bereits vor einem sechsköpfigen Erschießungskommando, als Ludwig Henn eintraf und den zuständigen Offizier zum Einlenken ob der Sinnlosigkeit dieser Hinrichtung bewegen konnte. Kein ungefährliches Unterfangen für Henn selbst, ohne weiteres hätte man auch ihn erschießen oder zumindest verhaften lassen können. Hauptmann Henn brachte den Jungen nach Hause und sorgte auch für eine Bewachung durch die Luftwaffe. Er befürchtete, dass der Offizier der Abwehr-Geheimpolizei seine Entscheidung wieder revidieren könnte. Claude Brand kannte zu diesem Zeitpunkt den Namen seines Retters nicht, wusste aber durch die Gespräche von Ludwig Henn mit seinem Vater, dass er wie dieser von Beruf Schreiner war. Aus dem Jungen wurde ein Mann und das Bedürfnis, etwas über den Verbleib seines Retters zu erfahren, wuchs immer mehr.

Jahrzehntelang dauerten die Recherchen des Franzosen an. Der Zufall kam ihm zu Hilfe, als er Kontakt zu Sven Friese bekam, der zur Geschichte seines eigenen Großvaters Nachforschungen anstellte. So fand Friese heraus, dass sein Großvater, Leutnant Helmut Friese, der im September 1944 in Lyon gefallen ist, gemeinsam mit Ludwig Henn gedient hatte. Er half Brand bei den weiteren Recherchen, fand heraus, dass Ludwig Henn bis Januar 1946 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft war, zuletzt in Ilvesheim gelebt hatte und 1978 verstorben war. In mühevoller Kleinarbeit stieß er auf einen Nachkommen Ludwigs, auf den Enkel Eric Henn.

Tiefes Bedürfnis

Damit ging einer der größten Herzenswünsche von Claude Brand in Erfüllung. Es war dem 84-Jährigen ein tiefes Bedürfnis, das Grab des Mannes zu besuchen, der für ihn, einen unbekannten kleinen französischen Jungen sein Leben riskiert hatte, und Blumen zum Dank dort niederzulegen. In einem Gedicht zu Ehren von Ludwig Henn hat Claude Brand seine Gedanken zu diesem Tag vor 75 Jahren festgehalten – einen Tag, der zeigt, dass Menschlichkeit niemals verjährt.