Ilvesheim

Ilvesheim Ex-Boxer Charly Graf hält Vortrag im MGV Aurelia Sängerheim / Gebürtiger Mannheimer war zeitweise hinter Gittern / Verein schenkt ihm ein Porträt

Ein Leben mit vielen Höhen und Tiefen

Es brauchte zusätzliche Stühle und Tische, um allen Gästen einen Platz zu bieten: Rund drei Stunden lang dauerte die Veranstaltung mit Ex-Boxer Charly Graf im Sängerheim des MGV Aurelia Ilvesheim. „Die Besucherzahl übertraf alle Erwartungen“, sagte Isolde Zorn vom MGV. Unter den Gästen waren auch der Bürgermeister Andreas Metz und der Gemeinderat Hansjörg Habermehl (Grüne).

Roland Gerth hieß die Gäste und Charly Graf willkommen. Gerth engagiert sich im MGV und koordiniert die Veranstaltungen im Sängerheim. In seiner Ansprache erzählte Gerth, wie er Graf kennenlernte: „Wir liefen uns in einem Sportstudio und bei einer anderen Veranstaltung über den Weg.“ Er war von ihm so angetan, dass er Graf einlud.

Vater nie kennengelernt

Gerth umriss zu Beginn kurz die Lebensumstände nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutschland war zerstört, der Südwesten wurde von den Amerikanern besetzt. Deutsche Frauen freundeten sich mit amerikanischen Soldaten an – so auch die Mutter von Charly Graf. Sie lernte einen dunkelhäutigen US-Soldaten kennen.

Graf kam 1951 in Mannheim zur Welt, wuchs bei der später alkoholkranken Mutter in den Benzbaracken im Stadtteil Waldhof auf. Seinen Vater lernte er nie kennen. Es waren ärmliche Verhältnisse, in denen der Junge aufwuchs. Die Mutter als Fabrikarbeiterin vertrank oft ihren kargen Lohn. Charly trieb, als er älter wurde, Sport und als er 17 Jahre alt war, unterschrieb die Mutter auf Anraten eines Sportfunktionärs einen Vertrag, damit der Sohn in eine Boxschule gehen konnte.

„Ich boxte gut, wurde aber zu jung verheizt. Dann kam ich auf Abwege, rutschte ins Rotlichtmilieu ab und wurde straffällig“, erzählte er. Zehn Jahre verbrachte Charly Graf wegen verschiedener Delikte in den Gefängnissen von Mannheim und Stuttgart-Stammheim. Dort lernte er den RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock kennen. „Er brachte mich durch seine intellektuelle Bildung dazu, Bücher zu lesen, und ich brachte ihm wiederum Sport bei“, sagte der Ex-Boxer. Es war absolut still im vollen Saal, als Graf von dieser Zeit seines Lebens erzählte.

Noch während seiner Haft konnte Graf mit Bewachung zu einem Boxkampf nach Frankfurt gebracht werden. Er gewann. Nach der Entlassung boxte Graf weiter, wurde drei Mal deutscher Meister im Schwergewicht.

Nie mehr wollte er ins Gefängnis. Während eines Films, der am Abend im Sängerheim gezeigt wurde, konnten die Besucher erleben, wie Graf dreimal in einer Haftanstalt bei Leipzig war, um dort als Konfliktmanager mit Häftlingen zu arbeiten. „Ich hatte zuerst ein ungutes Gefühl“, gab er zu.

„Kräfte richtig einsetzen“

Graf brachte den Häftlingen das Boxen bei, dazwischen mit Entspannungstraining. Der Sinn: Die eigenen Kräfte richtig einsetzen. „Man muß erkennen, wo die Grenzen sind und dies akzeptieren“, sagte der Ex-Boxer. Graf verstand es, seine Lebensgeschichte zwischendurch mit amüsanten Anekdoten zu spicken – immer wieder lachte das Publikum. Mit viel Applaus bedankten sich die Gäste.

Zum Ende der Veranstaltung wurde ihm ein Porträt überreicht, das eine Sängerin des MGV Aurelia, Elke Scherer, eigens für ihn gemalt hatte und das auch auf den verteilten Flyern zu sehen war. Der Ex-Boxer freute sich sichtlich über das Geschenk der Sängerin und Malerin. Die Künstlerin hatte darüber hinaus auch eine kleine Auswahl ihrer Bilder ausgestellt.

Charly Graf kann man übrigens auch auf der Freilichtbühne in Mannheim als Schauspieler erleben. Sein Credo ist: „Es ist nie zu spät, etwas richtig zu machen“. red