Ilvesheim

Ilvesheim Gemeinde gedenkt in der Schloss-Schule der vor 79 Jahren deportierten Juden / Nationalsozialisten brachten die Menschen in ein Lager nach Südfrankreich

Erinnern an „Vorhölle von Auschwitz“

Archivartikel

Es geschieht in den frühen Morgenstunden des 22. Oktober 1940: Polizisten klingeln an der Tür. Sie teilen den Ilvesheimer Juden mit, dass sie „abgeschoben“ werden. Zwei Stunden haben die Betroffenen Zeit, ihre wichtigsten Sachen zu packen. Wenig später sitzen sie in einem Lastwagen auf dem Weg zum Mannheimer Hauptbahnhof. Von dort aus fahren die Züge nach Gurs im Südwesten Frankreichs. Dort gibt es bereits seit längerem ein Lager. Es ist die „Vorhölle“ zu Auschwitz, wie ein Zeitgenosse sagt.

Am Dienstag haben rund 90 Menschen in der Aula der Ilvesheimer Schloss-Schule der deportierten Juden gedacht. Zu der Veranstaltung hatten die Gemeinde Ilvesheim, die Schloss-Schule selbst und die örtlichen Kirchengemeinden eingeladen.

Inhaftierte lenkten sich ab

In seinem Grußwort schlug Bürgermeister Andreas Metz den Bogen in die Gegenwart. Ausdrücklich hob er hervor, wie aktuell die Themen noch seien. „Wir müssen ein Treffen wie dieses nutzen, um wachsam gegenüber heutigen Entwicklungen zu sein“, sagte er. „Wir dürfen solche Veranstaltungen nicht zu einem bloßen Ritual verkommen lassen.“

Mindestens 6500 Menschen jüdischen Glaubens wurden am 22. Oktober vor 79 Jahren aus Baden, der Pfalz und dem Saarland verschleppt, 22 davon kamen aus Ilvesheim. Fünf von ihnen lebten zum Zeitpunkt der Deportation noch in der Inselgemeinde. Die meisten anderen waren zuvor nach Mannheim umgezogen. Die Zahlen ermittelt hat der Historiker Markus Enzenauer vom Marchivum, der bei der Gedenkveranstaltung den zentralen Vortrag hielt. „Die Deportation wurde detailliert vorbereitet. Die Juden wurden von der Aktion überrascht“, sagte er und berief sich dabei auf Geheimakten und Zeitzeugen-Aufzeichnungen.

An das Lager in Gurs erinnert unter anderem in Mannheim ein gelber Wegweiser vor dem Hauptbahnhof. Die Bedingungen in Gurs beschreibt Enzenauer in seinem Vortrag als „katastrophal“. Menschen mussten auf dem nackten Boden schlafen, es gab viel zu wenig zu Essen, die primitiven Baracken schützten nicht vor Wind und Kälte. „Wie sich die leidenden Menschen dennoch abzulenken wussten, ist bewundernswert“, sagte der Historiker. So schufen die Inhaftierten ein Bildungsprogramm, musizierten oder malten. Ein Zeugnis dieser Arbeit präsentierte Enzenauer in seinem Vortrag. Eine selbst gemalte Postkarte zu Weihnachten zeigt einen Weihnachtsbaum – aus Stacheldraht.

Einen künstlerischen Beitrag gab es auch am Dienstagabend in der Schloss-Schule. Serena Yilmaz, Schülerin der Schloss-Schule, spielte am Klavier ein selbst komponiertes Lied. Die 15-Jährige ist blind. Aus ihrem Text sprach die Fassungslosigkeit über das Geschehene: „Was passiert ist, ist mehr als nur unglaublich“ lautete eine Zeile des Liedes.

Auch zum Abschluss der Gedenkveranstaltung kam die Bestürzung zum Ausdruck, als Jutta Sommer von der katholischen Gemeinde St. Peter und Margarete Kaibel von der evangelischen Kirchengemeinde ein gemeinsames Gebet vortrugen.

Die Schulleiterin Stephanie Liebers freute sich, die alljährlich an unterschiedlichen Orten stattfindende Gedenkveranstaltung in „ihrer“ Schule ausrichten zu dürfen. Die Bildungseinrichtung wurde von den Nationalsozialiten 1939 geschlossen. Sie passte nicht zur Ideologie der Herrschenden. Erst 1946 – nach Kriegsende – konnte die Schule wieder öffnen.