Innenstadt / Jungbusch

Jungbusch In der Reihe europa_morgen_land liest Buchautorin Natascha Wodin aus ihrer preisgekrönten Familiengeschichte

Als Außenseiterin im Nachkriegsdeutschland

Archivartikel

„Irgendwo in diesem Dunkel“ liegt für die Schriftstellerin Natascha Wodin das Schicksal des Vaters verborgen. In der Reihe europa_morgen_land las die Autorin aus ihrer preisgekrönten Familiengeschichte. Nach dem Mutterbuch „Sie kam aus Mariupol“ setzte die Autorin die Spurensuche nach der Familie fort. Gleichzeitig ist das Buch die Entwicklungsgeschichte eines Mädchens, das als Tochter ehemaliger Zwangsarbeiter im Nachkriegsdeutschland aufwächst. Sie lebte „in einer Welt außerhalb der Welt“, wie sie es nannte, und wollte doch so gern zu den Deutschen gehören. „Ich empfand es als Fluch, das Kind meiner Eltern zu sein“, erzählte Wodin im Gespräch mit Anna-Katharina Gisbertz. In der Schule angefeindet und ausgegrenzt, konnte sie lange nicht Fuß in Deutschland fassen. Das Buch sei eine sprachgewaltige Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben, betonte Gisbertz: „Es erschließt einen Kosmos dessen, was nicht hätte sein dürfen“.

Der Tod des Vaters wird zum Ausgangspunkt einer Reise in die Vergangenheit. Wodin las Auszüge aus dem ersten Kapitel, in dem die Ich-Erzählerin zur Beerdigung ihres Vaters in ihre alte fränkische Heimat zurückkehrt. Die Ereignisse werden nicht chronologisch berichtet, immer wieder tauchen frühe Kindheitserinnerungen auf. Beim Anblick des Toten im Sarg schiebt sich ein anderes Bild vor ihr Auge. Als die Zehnjährige nach dem Freitod der Mutter dem heimkommenden Vater entgegenläuft, drehte er sich weg. Diese Szene steht sinnbildlich für die Vater-Tochter-Beziehung, die von Zurückweisung und Gewalt geprägt war. Das Kind kam zunächst bei einer deutschen Kriegerwitwe unter. „Jeden Tag gab es zum Abendbrot etwas, das Schnittchen hieß“, beschrieb sie, wie der „ureigenste Ausdruck des Deutschen“ zum sehnsuchtsvollen Symbol wurde.

Versuch zu verstehen

Auf ihre Motivation für dieses Buch angesprochen, antwortete Wodin: „Trotz des Hasses dachte ich, ich sei ihm etwas schuldig. Ich wollte versuchen, ihn zu verstehen“. Nach wie vor bleibe seine Person aber im Dunkeln, sein Leben ein Geheimnis. Erst später, als sie ihn im Altersheim besuchte, habe sie Mitleid empfunden. „Als hätte er mich schließlich doch noch besiegt.“ Das Porträt des Vaters ist auch eine schonungslose Rekonstruktion der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Die Schriftstellerin bekräftigte, es sei ihr ein großes Anliegen, das Schicksal der Zwangsarbeiter öffentlich zu machen. Die Schilderung des Arbeitsalltags der slawischen Arbeiter in den Flick-Werken waren für manche Zuhörer nur schwer zu ertragen. Mit eindringlicher und doch poetischer Sprache gab Wodin intensive Einblicke in eine schreckliche Zeit. Nur ihre reflektierte Distanz und der überraschende Humor lösten die Beklemmung. „Schreiben ist für mich keine Therapie“, so Wodin. Inzwischen habe sie Abstand gewonnen und blicke nach vorne.