Innenstadt / Jungbusch

Jungbusch „Gemeingut Jungbusch“ im Zeitraumexit mit Film und Gesprächen

Hochkultur als Fremdkörper

Archivartikel

Sechs Interviews mit Migranten, die über separate Bildschirme samt Kopfhörern im „Zeitraumexit“ zu sehen und zu hören sind: Die Stimmen und Bilder der Menschen aus dem Jungbusch sind ein Ergebnis des einjährigen Projekts der Stuttgarterin Ülkü Süngün in Mannheim. Unter dem Titel „Gemeingut Jungbusch“ wurden zudem im Zeitraumexit Filme und Gespräche geboten. Zum Ende der Ausstellung ging es unter anderem um die Publikation, die Süngün erstellt hat: Darin sind Interview-Auszüge der Videos sowie Fotos der sechs Männer und Frauen enthalten, mit denen die Künstlerin geredet hat, sowie ein Interview mit ihr selbst. In einer Auflage von rund 4500 Exemplaren wird dies der Stadtteilzeitung „Buschtrommel“ beigelegt.

Was die Interviewten stört, sind Schmutz und Graffiti im Viertel. Manche kritisieren die Veränderungen: Partymeile, Aufkauf von Wohnungen und Mieterhöhungen mit der Folge Wegzug von Ausländern. Zwei der Interview-Texte sind nicht in deutscher Sprache. Die Künstlerin: „Weil ich die Irritation des Nichtverstehens auch einem anderen Publikum zumuten wollte.“ Irritation sei möglicherweise der wichtigste Effekt ihrer Arbeit gewesen, denn beispielsweise hätten Kinder gesehen, was sie als türkischstämmige Frau macht. 1970 in der Türkei geboren, hat sie im Wechsel dort und in Deutschland gelebt und schließlich Bildhauerei in Stuttgart studiert - nun ist sie freiberufliche Künstlerin.

Die Veränderungen im Jungbusch mit der Verdrängung von Menschen mit Migrationshintergrund und Armen – oft Gentrifizierung genannt – sei ein globales Phänomen. Oft werde von Bürgern die Strategie der Immobilieninvestoren als gerechtfertigt angesehen, „weil die es schöner machen“. Und es werde ein Viertel als „gefährlich“ konstruiert, dann sei es auch legitim, wenn ein Investor kommt.

Dem widerspricht einer der Interviewten: Der Jungbusch sei kein Brennpunkt. Einer sagt gar: „Hier sollen wir nicht leben!“ Laut Ülkü Süngün seine Schlussfolgerung aus dem, wie er behandelt werde. Und es gibt in Mannheim auch andernorts Veränderungen: „In der Neckarstadt-West passiert das, was hier vor fünf Jahren geschehen ist.“ Also auch Aufkauf von Gebäudeblöcken, aufwendige Sanierung, Verdrängung bestimmter Bewohner. Ihre Beweggründe, sich mit dem Jungbusch zu befassen: „Auf dem Rücken der Migranten wurde dort eine Tür für Spekulanten geöffnet und politisch und gesellschaftlich mitgetragen. Diese Mechanismen der Verstrickung von latenten Rassismen und Gentrifizierung wollte ich sichtbar machen.“

Monitoringgruppe ohne Mandat

Im Podiumsgespräch ging es um mehr als nur die Videoeinstallation: Luxussanierung, Parallelgesellschaften, eine nahezu tödliche Schlägerei im Jungbusch und das freiwillige Regelwerk Jungbusch-Vereinbarung. Darin geht es um Sauberkeit, chancengleiche Bildung, Einhaltung von Verkehrsregeln, Wohnraum für alle und mehr. Sie wurde von einer „Monitoring-Gruppe“ erarbeitet - und dies kritisierte einer der rund ein Dutzend Gäste: Die Teilnehmer hätten kein Mandat aus der Bevölkerung gehabt. Ein anderer Gast sagte zu dem Thema, wie Kulturschaffende sich in einem Viertel verhalten sollen: „Ein Stadtteil hat auch das Recht, von den Kulturschaffenden in Ruhe gelassen zu werden.“ Er bezog sich darauf, dass diese ihre eigene Ästhetik im Viertel verbreiten. Süngün hatte an anderer Stelle erwähnt, „Zeitraumexit“ werde von den Bewohnern des Viertels als Fremdkörper wahrgenommen.

Thema war auch die rund zwei Kilometer lange Oranienstraße in Berlin, wo – wie in vielen Städten Europas – ebenfalls wenig finanzstarke Einwohner verdrängt werden. Grund dafür war Joerg Franzbecker, der Podiums-Gast aus der Hauptstadt ist Mit-Verleger und Redakteur der Berliner Hefte zu Geschichte und Gegenwart der Stadt. Er stellte eine spezielle Zeitung vor, die Kulturschaffende zur Veränderung rund um die Oranienstraße erstellt haben. Der Kulturverein, in dem er sich engagiert, habe für das Jahr 2022 die Kündigung des Mietvertrags erhalten: „Das geht vielen so!“