Innenstadt / Jungbusch

Jungbusch Installation des Frankfurter Künstlers Christoph Ernst bei zeitraumexit

Identität schaffen mit Eis gratis

Archivartikel

„Das Deutsch“ steht in großen Lettern auf der Außenwand der Kaufmannsmühle im Jungbusch – eine Formulierung im öffentlichen Raum, die Aufmerksamkeit und Interesse erregt. Betritt der Neugierige dann den Innenhof, reibt er sich verblüfft die Augen: Dort steht ein riesiger Tempel – es ist ein Abbild der Walhalla, die sich nahe bei Regensburg über der Donau erhebt.

Foyer verkleidet

Mit diesem klassizistischen Bau in Gestalt eines von Säulen umgebenen Tempels schaffte der bayerische Königs Ludwig I. (reg. 1825-1848) nach dem als schmachvoll empfundenen Siegeszugs der napoleonischen Armeen einen Gedächtnisort, an dem verdiente deutschsprachige Männer und Frauen gewürdigt werden sollten. „Das Deutsch–Eine Standortbestimmung“ ist der Titel der Installation von Christoph Ernst. Es ist der zweite Teil von „Das Foyer –Vertrauensbildende Maßnahmen“ – ein Forschungsprojekt von zeitraumexit über Eingänge, das sich mit Zugängen im Kontext von Architektur, Kunst und Vermittlung. beschäftigt.

Der in Frankfurt lebende und arbeitende Bühnenbildner und studierte Architekt Ernst gestaltete die ehemalige Kantine der Kaufmannsmühle im Jungbusch für fünf Wochen neu. Der Künstler hat die Wände des 17 Meter langen, 6,80 Meter breiten und 3,50 hohen Foyers verkleidet mit einem speziell für diesen Raum angefertigten, geplotterten Stoff, auf dem die in der Walhhalla aufgestellten 130 Büsten großformatig ausgedruckt sind.

Ernst geht es darum, „nationale Identifikation zu stiften“. Nicht von oben durch einen Regenten, sondern indem Identität in Frage gestellt wird: Was ist die richtige Identität? „Der Begriff ist hoch aktuell“, so Ernst. Jeder versuche aufzuspringen, obwohl meist unsicher sei, welchen Standort er vertritt. Seine Idee sei es gewesen, „einen großen undefinierten Raum vor Ort zu kreieren, der neugierig macht, her zu kommen“. Der Besucher könne dann sich selbst als Porträt mit Statement in seiner Installation „verewigen“ und so entscheiden, wem oder was hier gedacht wird.

Was ist seiner Meinung nach deutsch? Wer ist der Besucher und gehört er dazu oder nicht. So sollen die 130 „ausgezeichneten Deutschen“ in der Gedenkstätte nach und nach überschreiben und ausgetauscht werden. Ernsts Installation ist Spiel und Auseinandersetzung mit nationaler Identität. Das Foyer von zeitraumexit ist dabei gleichzeitig Gedenkraum und Eisdiele, und parodiert somit die Idee einer autoritär verordneten kollektiven Identität. Vor der Tempelfassade auf dem Hof stehen die Stühle der Eisdiele. „Es ist Sommer und eine Eisdiele fehlte bisher im Jungbusch“, fand der Künstler. Angeboten werden Eissorten in allen bisherigen Farben deutscher Flaggen. Und für ein Selbstporträt gibt‘s das Eis gratis.

Neue Besucher erhofft

„Bereits der erste Teil des Projekts wurde gut besucht, aber nicht von anderen Kunstliebhabern als sonst“, berichtete Jan-Philipp Possmann von zeitraumexit. Durch die Kombination von Gedenkraum und Eisdiele, erhofft man sich neue Besucher. Ermöglicht wird dieses Projekt durch die BASF-Förderung im Rahmen von „Tor 4 –Warum wird eigentlich alles besser?“ sowie durch die Kulturstiftung des Bundes. .