Innenstadt / Jungbusch

Mitte/Jungbusch Meloakustika unterwegs / Die „Musikschule für Alle“ spielt am Quartiersplatz

Musizieren ganz ohne Noten

Musik machen ohne Noten? Auf diese Frage wussten die Kinder und Erwachsenen, die Nina Lenz und Andreas Meves, zuständig für Stadtteilarbeit bei zeitraumexit, kurz zuvor auf den Straßen im Jungbusch dazu eingeladen hatten, zu Beginn der spontanen Konzertprobe von „Meloakustika“ keine Antwort. Die „Musikschule für alle“ im Künstlerhaus in der Hafenstraße war auf dem Quartiersplatz im Jungbusch zu Gast – und fand gleich Anklang.

„Geh, Du Alter Esel“

Bei einer anfänglichen Vorstellungsrunde konnten sich die Teilnehmer und Schüler des rumänisch-deutschen Musikpädagogen Ionel Chirita kennenlernen und über ihre Erfahrungen mit Musik berichten. Es gab zwar zu Beginn aufgrund der eingeschränkten Sprachkenntnisse der überwiegend aus Südosteuropa stammenden Teilnehmer kleine Verständigungsschwierigkeiten, da noch nicht alle die deutsche Sprache perfekt beherrschten und ein bisschen schüchtern waren.

Doch mit Hilfe von Ivanca Vaneva-Ahmedova aus Bulgarien als kulturelle Sprachvermittlerin verstanden sie aber, dass nur wenige von ihnen ein Instrument spielen konnten und die meisten sich bisher nur auf das Musikhören konzentrierten. Für jeden hatte Ionel Chirita eine Geige mitgebracht. Nur einer seiner Schüler, Michael Müller, hatte sich für das Cello entschieden. Ionel Chirita und sein Sohn Dumitru zeigten dem zwölfjährigen Stefan, Reyzan Taskiner (18 Jahre) und den anderen Teilnehmern, wie sie die Geige halten und den Bogen führen müssen. „Schwarze Schafe“ ist Titel des Stücks, das Ionel Chirita ausgesucht hat für die spontane Konzertprobe. „Verschiedene leichte Stücke für Anfänger, die sie gleich ausprobieren können – als Anreiz dient die Geige in der Hand“, erläuterte der Musikpädagoge. Auf einer Tafel hatte er die Notenfolge entsprechend den Saiten der Geige in Buchstabenform aufgeschrieben: G, D, A, E „Geh, Du Alter Esel... Auf die Plätze fertig los!“, lautete Chiritas Kommando.

Alle waren mit Energie dabei. Die Begeisterung für die Instrumente und für das, was man alles mit ihnen machen kann, war sofort spürbar. Die Teilnehmer wurden schnell im Umgang mit den Geigen vertraut. Stefan und Seygin (10 Jahre) begannen, eigene kleine Hörbeispiele zu kreieren. Alle Zuschauenden waren ebenfalls aufgerufen, das gemeinsame Musizieren auszuprobieren. Und so wuchs das Orchester schnell auf mehr als ein Dutzend junger und auch älterer Musiker an.

„Sogar einer aus der Alkoholiker-Gruppe ist dabei“, freute sich Nina Lenz. Sie berichtete: Im Rahmen des Bundesförderprogramms „Utopolis – Soziokultur im Quartier“ findet als Teil des „Social Body Building“ bei zeitraumexit wöchentlich die frei zugängliche Musikschule „Meloakustika“ statt, bei der Anwohner unter professioneller Anleitung von Ionel Chirita ein Instrument erlernen können. „Ziel ist es, sozial bedürftige Menschen zu erreichen, die sonst nicht Zugang zu den kulturellen und sozialökonomischen Kapitalien haben; es geht darum, Menschen aus unterschiedlichen Milieus zusammenzubringen und zu zeigen, was man machen kann, um sich gemeinsam zu stärken“, erklärte Lenz.

Jeden Mittwochabend kann man bei zeitraumexit im Jungbusch in der Hafenstraße 68 mit anderen musikbegeisterten Laien und Halbprofis alle möglichen Streich- und Zupfinstrumente ausprobieren – ganz ohne eigenes Instrument oder irgendwelche Vorkenntnisse. Das „Jungbuschensemble“ wirkt gelegentlich auch bei Konzerten mit, zum Beispiel im Rahmen des „Social Sunday“ bei zeitraumexit.