Innenstadt / Jungbusch

Neckarstadt/Innenstadt Schüler der Marie-Curie-Realschule feiern Vernissage „Motiv und Variationen“ mit Exponaten im Stadthaus

Papierene Risse symbolisieren Zerstörung

In den Glasvitrinen sorgen pechschwarze Gebilde, annähernd mannshoch, für Aufmerksamkeit. Aus gefärbtem Holz und Leichtschaumplatten bestehen diese abstrakten und schroffen Raumplastiken, bearbeitet mit Stahlstiften und Heißkleber. „Musik und Kunst sind die beiden Standbeine unserer Schule. Es zählen aber auch andere Dinge dazu, etwa Literatur“, erklärte Kunstlehrer Jens Vogel. Auf der Podiumsetage im Stadthaus N1 fand eine Vernissage der drei achten Klassen der Marie-Curie-Realschule aus der Neckarstadt-West statt, mit von den Schülerinnen und Schülern angefertigten Skulpturen, Collagen und einer Videoinstallation mit Flachbildschirm und Kopfhörern. Bis 17. Februar bleiben die Exponate dort unter dem Titel „Motiv und Variationen“ ausgestellt.

Dass in künstlerischen Stoffen oft Variationen von inhaltlich gleichen Themen auftauchen, ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen. Ob in der Filmkunst, wenn ein Remake erscheint, also die Neuverfilmung einer älteren Geschichte, oder in der Musik. „Bei Bach hat man das auch, die Brandenburgischen Konzerte sind ja Variationen“, interpretierte Kunstlehrer Jens Vogel den Titel der Ausstellung seiner Schützlinge. Zusammen mit Musiklehrer Markus Herrmann und der schuleigenen Kulturagentin Judith Denkberg führte Pädagoge Vogel die Besucher durch die Ausstellungseröffnung. Eine Trommelgruppe begleitete die Eröffnungsfeier musikalisch. Zur Ausstellung wurde ein professionell verlegter Katalog mit beigelegter DVD gedruckt. Es handelt sich um die fünfte Schau der Marie-Curie-Schule im Rahmen der wandernden Reihe „Culture Challenge“, diesmal mit dem Stadthaus N 1 als Ort der Offenbarung. „Die Ergebnisse müssen in der Öffentlichkeit präsentiert werden, wir haben schon im Marchivum und im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen ausgestellt“, betonte Kunstlehrer Vogel, der seit 2013 an der Marie-Curie-Realschule unterrichtet.

Destruktion als Neubeginn

Im Vorfeld fand dafür eine Projektwoche statt. Bei der Vernissage hielt der grüne Bildungsbürgermeister Dirk Grunert eine Ansprache. In einigen Vitrinen hängen Décollagen aus rotem, grauem und schwarzem Papier, stellenweise aufgerissen, so dass hinter den Löchern und Rissen getippte Texte zum Vorschein kommen, als in Schichten verklebte Papierseiten. In Bezug auf die klaffenden Risse erkennt Kulturagentin Judith Denkberg einen idealen Aufhänger, um mit den Klassen über das facettenreiche Thema Zerstörung zu diskutieren. Als Ästhetik der Destruktion.

In diesem Zusammenhang lässt sich ein Querverweis zur Rockmusik ziehen, zum selbstzerstörerischen Saitenhexer Pete Townshend von The Who, der früher regelmäßig bei wilden Rock’n’Roll-Konzerten seine E-Gitarre auf der Bühne zerschmetterte. Auch der chinesische Künstler Ai Weiwei befasste sich mit dem Begriff der Zerstörung, indem er im Rahmen einer Performance 1995 eine antike Vase aus der Han-Dynastie absichtlich zu Boden fallenließ. Destruktion als Ausgangspunkt für einen Neubeginn. Über solche Dinge machte sich ebenso der Wirtschaftswissenschaftler Joseph Schumpeter tiefschürfende Gedanken, in seiner Theorie der „Schöpferischen Zerstörung“. Manchmal begegnen dem schulischen Kulturbeauftragten Markus Herrmann auf der Straße ehemalige Schüler, die ihm erzählen, über den Kunstunterricht der Marie-Curie-Schule persönlich zur Videoperformance gefunden zu haben. „Jawohl, wir haben Spuren hinterlassen!“, freue sich Lehrer Herrmann in solchen Momenten des Glücks.