Innenstadt / Jungbusch

Jungbusch Saxophonist Lömsch Lehmann und Kontrabassist Sebastian Gramss bei „Jazz im Busch“

Verqueres Experiment zweier Soundforscher

Archivartikel

Linear vom Notenblatt spielen, streng Zeile für Zeile, kann doch jeder, müssen sich Saxophonist Lömsch Lehmann und Kontrabassist Sebastian Gramss gedacht haben. Deshalb kam das freundschaftlich verbundene Duo irgendwann auf die Idee, das kompositorische Werk von Jazz-Star Thelonious Monk rückwärts zu interpretieren und ein Album mit diesem extraordinären Resultat aufzunehmen.

Nachdem das Zweigespann das musikalische Vermächtnis von Monk in verdrehter Melodieführung umarrangiert hatte. „Da kann man nicht einfach die Harmonien rückwärts spielen, das klingt ja sonst schwachsinnig“, erläuterte Saxophonist Lömsch Lehmann. Im Raum für Gegenwartskunst Port25 im Stadtteil Jungbusch führten Lehmann und Gramss ihr verkopftes Projekt knoM.T auf.

„Ich möchte es nicht erleben, dass Lömsch Lehmann und Sebastian Gramss aus kommerziellen Gründen anfangen, Thelonious Monk vorwärts zu spielen. Das soll bleiben, wie es ist“, amüsierte sich Veranstalter Steffen Rosskopf. Wegen eines zu behebenden Wasserschadens im benachbarten Laboratorio17 in der Jungbuschstraße musste die Konzertreihe „Jazz im Busch“ zum zweiten Mal ins benachbarte Kulturzentrum Port25 ausweichen. Mit ihren verqueren Soundexperimenten, basierend auf den zerlegten und wie ein Puzzle neu zusammengesetzten Kompositionen von Thelonious Monk, erfüllten Blasmusiker Lömsch Lehmann und Kontrabassist Sebastian Gramss den grauen Betonsaal mit klanglicher Farbigkeit. Monk auf den Kopf gestellt. Dabei spielte das zweiköpfige Gespann vor 18 Besuchern mit dunklen und meditativen Atmosphären, ähnlich wie die schwermütig-doomigen Klangzauberer von Sunn aus den Staaten, die jedoch im Genre des Experimental-Metals zu verorten sind.

Grenze zum wilden Free-Jazz

Was für eine abgefahrene Show: Zwischendurch baute Lömsch Lehmann seine Klarinette auseinander, um mit den Einzelteilen perkussiv in die Hände zu trommeln und hineinzublasen. In solchen Momenten näherte sich das Künstlerduo der schrillen Formauflösung, an der Grenze zum wilden Free-Jazz. Etwas gefälliger gestaltete sich dagegen die zweite Hälfte des Konzerts, als Lehmann und Gramss etwa die Nummer „Billy’s Bounce“ von Charlie Parker interpretierten. Mit dem Monk im tonalen Rückwärtsgang haben die beiden Szene-Musiker schon seit vielen Jahren allerhand Spaß. Ursprünglich hatten die beiden gewitzten Soundsucher, als sich das Monk-Projekt in der Entstehungsphase befand, daheim am Computer mit Forscherdrang die Musik von Monk durch technische Hilfsmittel rückwärts laufen lassen, zur geistigen Inspiration, wie sich das anhören könnte.

Im Port25 schlug Gramss mit dem Bogen auf die Saiten des Kontrabasses ein. Wenn man den Begriff Klanghexer verwenden darf, dann wohl in Bezug auf das experimentierfreudige Duo Lömsch Lehmann und Sebastian Gramss. Vor spielerischer Euphorie hielt es den die Füße in die Höhe hebenden Lehmann kaum auf dem Stuhl. Auf diese Weise drehten die zwei Künstler, wobei Gramss übrigens zweifacher Echo-Jazz-Preisträger ist, diverse Monk-Stücke wie „Hackensack“, „Epistrophy“, „Blue Monk“, „In walked Bud“ und „Criss Cross“ durch den klanglichen Fleischwolf. „Es gibt wahnsinnig viele Monk-Projekte, fast jeder hat mal ein Monk-Projekt gemacht“, schilderte Klarinettist Lehmann den historischen Stellenwert dieses im Februar 1982 verstorbenen Pianisten innerhalb der Musikszene.