Innenstadt / Jungbusch

Abschluss Serie „Mein Viertel“ Gespräch über Heimat aus psychologischer Sicht mit Barbara Wolf von der SRH Hochschule

„Vertraute Orte vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit“

Archivartikel

Die nette Verkäuferin beim Bäcker, der Marktplatz mit der mächtigen Platane, der Jugendtreff und das Clubhaus des Sportvereins: Zum vorläufig letzten Teil unserer „MM“-Serie „Mein Viertel“ erklärt Barbara Wolf, Professorin der Kindheitspädagogik, Soziologin, Erziehungswissenschaftlerin und Prodekanin an der SRH Hochschule Heidelberg, wie sich das Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Viertel auf die seelische und physische Gesundheit eines Menschen auswirkt.

Frau Wolf, hatten Sie schon mal Heimweh – auch nach einem Ort?

Barbara Wolf (lacht): Ja klar. Zwar sind es immer in erster Linie die Menschen, die man vermisst. Das reicht von Familie und Freunden bis hin zum kurzen Gespräch mit der Frau im Gemüseladen. Aber ich bin gerade von einem Vorort mit vielen Neubauten in einen mit gewachsenem, historischem Stadtkern gezogen. Da kennt fast jeder jeden und man kommt einfach schneller in Kontakt.

Mainz, Koblenz Heidelberg – Sie mussten beruflich viele Ortswechsel hinnehmen. Sind Heimatgefühle in Zeiten von Mehrfachjobs und Globalisierung Luxus?

Wolf: Keineswegs, denn kurze Arbeitsverträge und viele Umzüge machen heutzutage den Aufbau eines intakten sozialen Umfeldes oft fast unmöglich. Die Zeitspanne für die Pflege intensiver Kontakte wird immer kleiner.

Ein Verlust, der viele Menschen krank macht?

Wolf: Ja, denn die daraus folgernde Kontaktsuche, oft auch per Internet oder Smartphone ist meist so gehetzt, dass sie die Leute unter Druck setzt. Das zehrt sie regelrecht aus.

Und Heimat kann dann heilsam sein?

Wolf: Vertraute Personen und Orte vermitteln uns ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. In ihrem Umfeld beruhigen wir uns und die Fluchtmechanismen fahren runter. Das Empfinden von Vertrautheit und ganz bestimmte Rituale brauchen wir, um uns geborgen zu fühlen.

Lässt sich das wissenschaftlich und medizinisch abbilden?

Wolf: In Momenten der Unsicherheit sind wir eher auf Flucht eingestellt, schütten Stresshormone aus und sind anfälliger für Herz- Kreislauferkrankungen oder grippale Infekte. Wir wissen aus der Traumapädagogik, dass bei Menschen, die unter dem Gefühl der Entwurzelung leiden, als allererste Maßnahme ein sicherer Ort gefunden werden muss, eine Wohnung, ein Raum, in dem sie sich sicher fühlen. Und wer sich einsam fühlt, isoliert und unter einem Mangel an Außenkontakten leidet, ist auch anfälliger für Depressionen. Von den psychischen Folgen eines fehlenden Zugehörigkeitsgefühls sind übrigens auch Kinder in hohem Maße betroffen.

Da spricht die Erziehungs-wissenschaftlerin Barbara Wolf?

Wolf: Ja, denn Einsamkeit fängt leider manchmal in frühester Kindheit an. Ich habe mich seit über 24 Jahren mit erziehungswissenschaftlichen Fragen beschäftigt, sowohl in der pädagogischen Praxis als auch in der Theorie und immer wieder Folgendes erlebt: Fragt man Mädchen oder Jungs nach dem schönsten Tag, dann hat die Schilderung selten etwas mit materiellen Dingen zu tun, sondern mit Zeit haben füreinander.

Die Kinder wünschen sich also mehr Zeit mit ihren Eltern?

Wolf: Ja, im Prinzip schon. Aber wir dürfen diese Aufgabe nicht komplett auf die Familie übertragen. Neben einer privaten Ebene gibt es eben auch die Geselligkeit, in Vereinen, in der Kirchengemeinde, an einem ganz bestimmten Treffpunkt, vor dem alten Rathaus, auf dem Marktplatz oder im Park – eben im Heimatviertel. Etwas gemeinsam mit einem anderen Menschen erleben oder gestalten, zusammen lachen – das verbindet. Und diese Gemeinsamkeit kann auch kein Skype-Kontakt ersetzen.

Das heißt, das Viertel in dem ich lebe ist enorm wichtig für meine Entwicklung und Lebensqualität?

Wolf: Ich halte das Quartier eines jeden einzelnen Menschen für sehr prägend. Natürlich ist die Frage, warum wir uns gerade an einem bestimmten Ort wohl fühlen, sehr individuell. Aber es gibt Aspekte, die wir beeinflussen können – räumlich und personell, etwa in Form eines Quartiermanagements. Da sind die Stadtplaner gefragt und Kollegen wie Martin Albert von der SRH, die der Frage nachgehen, wie sich ein Stadtteil nicht nur mit Investitionen und neuen Gebäuden entwickeln kann. Sondern wie man es schafft, dass sich die Bewohner mit ihrem Viertel verbunden fühlen und in Netzwerken dafür einsetzen.

Das Interview wurde persönlich geführt und vor Abdruck nochmals vorgelegt.

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