Innenstadt / Jungbusch

Östliche Innenstadt Nachbarschaftstreffen unter dem Motto „Fabelwelten“

Warum der Wolf kein Bösewicht sein muss

„Als die Mücke zum ersten Male den Löwen brüllen hörte, da sprach sie zur Henne: Der summt aber komisch. Summen ist gut, fand die Henne. Sondern?, fragte die Mücke. Er gackert, antwortete die Henne, ‚aber das tut er allerdings komisch.“ Der Dialog aus „Der Löwe“ gehört zu den kurzen Texten aus Fabeln, die die Künstlerin Dorle Schimmer in einem kleinen Koffer bereithält.

Die Abschnitte aus den unterschiedlichsten Geschichten sind Ideengeber für den von ihr angebotenen Zeichenworkshop mit Nachbarschaftstreffen unter dem Motto „Fabelwelten“ auf dem Außengelände der Konkordienkirche. Denn die Teilnehmer können sich einen Text aussuchen, um ein Tier daraus mit Pinsel, Tusche und Farbe nach ihrer eigenen Vorstellungskraft zu kreieren.

Mit schwarzer Tusche

Pyum Myung-HT hat sich für eine Heuschrecke entschieden. Eigentlich wollte sie in die Konkordienkirche, um zu beten. „Aber die Kirche war geschlossen“, erzählt die gebürtige Koreanerin. Als sie die Teilnehmer des Workshops sah, entschied sie sich spontan, mitzumachen. Mit geschickter Hand zeichnet sie zunächst das Insekt auf Pauspapier und überträgt es dann auf die Seite einer Zeitung. Ausgeschnitten und die Konturen mit schwarzer Tusche nachbearbeitet, wird im Nu daraus eine kunterbunte Grille. Dorle Schimmer setzt unter anderem Zeitungen als Arbeitsmaterial ein. Dadurch soll nicht nur ein aktueller Bezug zu den Fabelwesen betont werden. Im Vordergrund stehe die Ästhetik, erklärt sie: „Ich verwende es in fast all meinen Arbeiten wegen der ganz speziellen Farbigkeit und Struktur des Papiers.“

Der stolze und starke Löwe, die einfältige und dumme Henne, der listige Fuchs: Das sind menschliche Eigenschaften, die in den Fabeln auf Tiere übertragen wurden. Kommt es zu einer Auseinandersetzung oder einem Kampf, wie etwa bei „Reineke Fuchs“, gewinnt am Ende meist der Verschlagenere und Schlauere. Dass das nicht so sein muss, zeigen die gestalteten Tiere des Nachmittags. So kann der Wolf, dem im Märchen als Isegrim der Ruf eines Bösewichts anhaftet, auch freundlich dreinblicken, wie ihn eine Teilnehmerin darstellt. „Ich möchte, dass die Leute die Fabeln neu schreiben, wobei die Vielfalt der Kulturen hilfreich sein kann, es ist aber nicht zwingend so, denn die Fabeln sind uralt“, erläutert Dorle Schimmer ihr Konzept. Sie sei neugierig und habe das Gefühl, dass sich in der heutigen Zeit die Gesellschaft, so anstrengend und verkehrt auch manches sein möge, hinsichtlich der Moralbegriffe geöffnet habe. Der erhobene Zeigefinger funktioniere nicht mehr. Es gehe um mehr als um ein Wie-du-mir-so-ich-dir. „Mit Stereotypen gehen wir anders um. Ich bin gespannt, was bei den Workshops rauskommt“, freut sie sich.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Ob Katze, Fuchs, Wolf, Löwe, Tiger oder auch ein Krebs, wie ihn der fünfjährige Eren fabriziert hat: Allen Tieren wohnt ein gewisser Charme inne. Viele der großen und kleinen Künstler sind selbst erstaunt, was sie da zustande gebracht haben. „Bei Dorle Schimmer bekommt man den Mut, etwas auszuprobieren, auch wenn man vorher der Meinung war, es nicht zu können“, bringt es Natice Orhan-Daibel auf den Punkt. Auch Quartiermanagerin Esther Baumgärtner unterstreicht die ermutigende Wirkung des Workshops. Man erhalte die Bestätigung, etwas Schönes zu können, sagt sie.

In der Unterstadt zu sehen

Nicht zu kurz kommen soll der Austausch untereinander. Beim Zeichnen oder bei Kaffee und Kuchen, gelingt das bestens. Die Fabelwesen werden am Ende ähnlich Graffitis im öffentlichen Raum der Unterstadt zu sehen sein. Offen ist noch der Ort. Die Reihe von Workshops, die Dorle Schimmer im Rahmen des Projekts „Urbaner Wandel in der Nachbarschaft von T 4/T 5“ noch bis September anbietet, wird am Freitag, 12. Juli, von 17 bis 19 Uhr im Internationalen Garten in U 5 fortgesetzt. Die Teilnahme ist kostenfrei.