Innenstadt / Jungbusch

Östliche Innenstadt Podiumsgespräch zum Thema „Wohnen in der Nachbarschaft heute und morgen“

Wird die City zum Speckgürtel?

Archivartikel

Eigentlich war es ein wenig wie die Diskussion um des Kaisers Bart. Beim Podiumsgespräch „Wohnen in der Nachbarschaft heute und morgen“ im Rahmen des Projekts „Urbaner Wandel in der Nachbarschaft von T 4/T 5“ in der ehemaligen Stadtgalerie in S 4,17 wurde über die mögliche Entwicklung der Unterstadt debattiert. Doch, in welche Richtung sich die Stadtgesellschaft verändern wird, mag niemand vorherzusagen.

Langweiliges Investorenmodell

„Was für eine Stadt wollen wir eigentlich?“, die Frage, die Christina West vom Geographischen Institut der Universität Heidelberg und 1. Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Urban Innovation – Stadt neu denken!“ in die Runde warf, suggerierte ein größeres Mitspracherecht der Bürger bei der Planung ihrer Stadt. Dass dies nur bedingt der Fall ist, erlebten die engagierten Bewohner der Unterstadt bei der Neugestaltung des ehemaligen Sickingerschulgeländes.

Zwar gelang es ihnen, sich während eines mehrjährigen Beteiligungsprozesses einen Quartiersplatz zu erstreiten. Einem Mehrzweckraum zur bürgerschaftlichen Nutzung, so wie ihn der aus dem städtebaulichen Wettbewerbsverfahren für die Neubebauung hervorgegangene Siegerentwurf auf T 4 mit einer Fläche von 194 Quadratmetern vorgesehen hatte, erteilte die Stadtspitze als nicht realisierbar eine Absage. Hier könne doch die Politik steuern, schlug Christina West vor, indem sie Anreize für einen Investor schaffe, dafür zu sorgen, „dass etwa im Erdgeschoss etwas eingerichtet wird, wo Austausch und Kreativität stattfindet.“ In dem von Cathérine Gallier moderierten Gespräch, an dem neben West noch der Architekt Till Schweizer und Quartiermanagerin Esther Baumgärtner teilnahmen, wurden unterschiedliche Positionen der Diskutanten deutlich. Insbesondere als darum ging, was aus dem Stadtviertel angesichts der Neugestaltung auf T 4/T 5 werden solle. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass Mannheim wohl immer mehr zum „Speckgürtel“ Frankfurts und Stuttgarts wird und die Preise und Mieten für Immobilien in die Höhe schnellen.

Christina West plädierte grundsätzlich für vielfältige, urbane Quartiere mit einer Sub- und Innovationskultur und allem, was dazugehöre. A la Neckarstadt und Jungbusch. Sie wehrte sich vehement gegen die Vorschläge derer, die ein geordnetes, beständiges Quartier haben wollten. „Dann haben wir den ländlichen Raum in die Stadt verpflanzt“, so West. Differenzierter sah es Till Schweizer. Dass es Einwanderer-Pionier-Quartiere in der Stadt brauche, sei klar. Mannheim habe es 1607 so angefangen und könne das wie kaum eine andere Stadt. Man habe in der Unterstadt eine Struktur mit einer relativ schnell wechselnden Bewohnerschaft. Da sei es doch richtig, dass man mit ein paar Eigentumswohnungen auf T 4/T 5 dieses Milieu ein bisschen hebe und stabilisiere. Momentan, so Schweizer, funktioniere ja alles recht gut. „Aber wenn die Weltwirtschaft nur ein paar Parameter nach unten geht, ist es vielleicht gar nicht mehr so lustig, in einer Einwandererstadt wie in Mannheim zu leben. Wenn ich dann meine Innenstadt ringsum mit diesem Milieu überfordert habe, gibt es schnell zu viele Baustellen auf einmal“, sagte Schweizer. Aber er sehe auch eine Gefahr, dass sich die neue Bewohnerschaft auf T 4/T 5 von der Nachbarschaft isoliere. Schweizer bemängelte zudem eine „traurige Konformität“ beim klassischen Investorenmodell von Eigentum und Wohnung. „Weil man genau weiß, dass bis in der letzten Wohnung Gewinn steckt, müssen alle Wohnungen gleich sein. Das ist ein langweiliges Programm.“

Die Unterstadt sei auch Ausgehstadt, stellte Esther Baumgärtner fest. Aber es gebe viele Faktoren, wie die Trinker- und Drogenszene, die die Bewohner sehr nervten. „Es musste etwas geschehen, um sie zu schützen und das Areal T 4/T 5 zu bebauen, war ein Aufbruchssignal.“ Nur jeder Fünfte, der dort lebe, komme aus Mannheim. So ein Quartier könne auch kippen. „Uns fehlt ein bisschen die Identität, also das, was uns ausmacht“, befand sie. Nötig sei ein soziales Gefüge bei dem man das Gefühl habe: „ich kenne mein Quartier noch und weiß, wer neben mir lebt.“