Innenstadt / Jungbusch

Jungbusch Aysun Bademsoy zeigt ihren Film „Nach dem Spiel“

Zugang zu den Menschen finden

Es war noch vor den Corona-Einschränkungen als die Filmemacherin Aysun Bademsoy ihren Film „Nach dem Spiel“ im Rahmen der Ausstellung „Gemeingut Jungbusch“ von Ülkü Süngün zeigte. Ülkü Süngün hört gerne zu. Insbesondere Menschen, die sonst nicht zu Wort kommen. Menschen aus Randgruppen, aus Minderheiten. Sie ist eine Stuttgarter Künstlerin, die sich unter anderem kritisch mit Migrations- und Identitätspolitik auseinandersetzt. Für ein Jahr hat sich die geborene Istanbulerin im Rahmen ihres nomadischen Instituts für Künstlerische Migrationsforschung mit dem Zusammenhang von Migration, Rassismus und Gentrifizierung und der Rolle von Kultureinrichtungen im Jungbusch befasst.

Die Jungbuschvereinbarung hat sie besonders interessiert. „Ich habe mich gefragt, ob die Bulgaren, Italiener und Türken in diesem Viertel dabei überhaupt zu Wort gekommen sind“, erklärt sie. Viele bekämen schon aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse gar nicht mit, wer wann wo spreche, in welcher Sprecherposition die Leute unterwegs seien. Daneben gäbe es das Zeitproblem, da die Menschen von morgens früh bis abends spät arbeiten würden. Deshalb habe sie ganz unterschiedliche Wege gesucht, um mit den Anwohnern und den kleinen Unternehmern ins Gespräch zu kommen. Um Beziehungen aufzubauen.

Was Mädchen wollen

Zum Abschluss ihrer Zeit in Mannheim präsentiert sie ihre Ergebnisse bei Zeitraumexit, wo Räume und Strukturen bereitgestellt werden, um Begegnungen mit Kunst für Menschen aus der Stadt und dem Rest der Welt zu ermöglichen. Ihrem großen Anliegen, Kontakte herzustellen, wird Süngün auch hier gerecht, denn die Ausstellung wurde immer donnerstags von einer besonderen Veranstaltung begleitet. Für eine dieser Veranstaltungen konnte sie die deutsch-türkische Filmregisseurin und Drehbuchautorin Aysun Bademsoy gewinnen, die mit neun Jahren mit ihrer Familie aus der Türkei nach Berlin kam. Sie studierte Publizistik und Theaterwissenschaft und dreht seit 1989 Dokumentarfilme.

Der 1997 gedrehte Film „Nach dem Spiel“ ist die Fortsetzung ihres ersten, 1995 gedrehten Dokumentarfilms „Mädchen am Ball“. Bademsoy porträtiert fünf junge Frauen mit türkischem Migrationshintergrund, die in der türkischen Mannschaft ‘Agrispor’ in Berlin spielen.

Aysun Bademsoy begleitet die Mädchen zu Hause, zu ihrem Ausbildungsplatz, zu ihren Treffen, zu ihren Fußballspielen. Sie dokumentiert, wie sie im Auto durch die Straßen fahren und die Jungs anhupen, wie sie Parties feiern und auf Gocart-Bahnen unterwegs sind. Sie versucht zu ergründen, wie die Mädchen denken, was sie erreichen wollen. Sie ist überrascht, ja sogar schockiert, als eines der Mädchen sagte, sie wolle heiraten, Kinder bekommen, glücklich sein. „Ich hätte erwartet, dass Mädchen in diesem Alter, die gegen die Familie kämpfen mussten, um Fußball spielen zu können, auch eine Ausbildung machen wollen, ihr Leben leben wollen“, begründet sie. Sie hätte von Mädchen, die auf einem Fußballfeld, das eigentlich Männern vorbehalten sei, so gut sind, erwartet, dass sie moderner seien, nicht so konservativ.

Probleme diskutiert

Für diesen Filmabend hatte Ülkü Süngün in erster Linie Mädchen- und Theatergruppen eingeladen, deren Teilnehmer eine ähnliche Altersstruktur wie die Protagonisten des Films von Aysun Bademsoy „Nach dem Spiel“ aufweisen. Und sie schaffte es auch hier, eine rege Diskussion mit den vorwiegend jungen Menschen in Gang zu bringen. Die sich ihrerseits nicht nur durch die Eltern, sondern vielmehr auch durch ihren eigenen Willen und das Umfeld geprägt sehen, die es neben einer erstrebenswerten Selbständigkeit durchaus als ebenso gut betrachten, wenn ein Mädchen „konservativ“ denkt und das Glück „nur“ in einer Familie finden möchte.

Auch Bildungschancen in Deutschland und in der Türkei nahmen großen Raum in der Diskussion ein, aber auch die Veränderungen von der Zeit, in welcher der Film gedreht wurde, zu jetzigen Verhältnissen. Probleme, die noch immer aktuell sind, wurden genauso beleuchtet, wie das, was zwischenzeitlich auch für türkische Mädchen selbstverständlich ist – wenn sie es selbst möchten.