Käfertal

Käfertal Die Künstler Jo Schmitt und Johannes Frisch rezitieren Gedichte von Jan Wagner zur Eröffnung des „Käfertaler Sommers“

Symbolschwer und dadaistisch

Seine Gedichte, die sich nicht reimen, sind sperrig, schwer zugänglich und zeugen doch von überschäumender Sprachlust. Die wilde Lyrik des Dichters Jan Wagner, der im vergangenen Jahr mit dem Georg-Büchner-Preis geadelt wurde, lädt zur analysierenden Interpretation ein. In Wagners Werken kriechen schleimige Nacktschnecken vorbei, Oktoberschauer regnen herab, Butzenglas funkelt. Auf einer improvisierten Bühne im grünenden Stempelpark, rezitierte das Künstlerduo Jo Schmitt und Johannes Frisch zur Eröffnung der Veranstaltungsreihe „Käfertaler Sommer“ der IG Käfertaler Vereine geschliffene Gedichte aus dem Band „Regentonnenvariationen“ von Jan Wagner.

Open-Air-Bühne gewünscht

„Wenn der Stempelpark neu gestaltet wird, hätten wir gerne eine kleine Open-Air-Bühne“, betonte Veranstalterin Ute Mocker und bat das Publikum um bürgerliche Unterstützung: „Es liegt in Ihren Händen.“ Bis es aber soweit ist, muss sich das Käfertaler Kulturhaus-Team mit einer zusammenbaubaren mobilen Bühne für Freiluft-Events behelfen. Auf dieser verlas Rezitator Jo Schmitt experimentelle Gedichte von Satzdrechsler Jan Wagner, während im Hintergrund der barfüßige Johannes Frisch, ein in Karlsruhe wohnender Musiker, am Kontrabass grollende Klänge zur Untermalung der eindringlichen Textzeilen einstreute.

Die außergewöhnliche Literaturperformance kam in Kooperation mit dem Theaterhaus TiG7 zustande. „Ihre Kinder, die zu brüllen vergessen hatten, und sogar der Rohling mit Sommerhut, wir selbst vor dieser Reling in bunten Regenjacken wie Pralinen“, zitierte Sprecher Jo Schmitt aus dem Text „Die Tümmler“ von Pop-Poet Jan Wagner.

In seinen kurzen Schriften wirft der Berliner Autor, der im Verlag S. Fischer veröffentlicht, mit Begriffen wie „Stein von Rosetta“, „Asteroidensplitter“ und „Hippocampus“ um sich. Wie ein umfassend gebildeter Stichwortgeber, der in den Köpfen seiner aufmerksamen Zuhörer eine Gedankenmaschine zum Rattern bringen möchte: Je tiefer die Allgemeinbildung des Zuhörers oder Lesers, umso mehr kann er aus den Wagnerschen Werken für sich herausziehen.

In seinem Gedicht „Die Tassen“, von Sprecher Jo Schmitt ebenfalls im Stempelpark eindrucksvoll zu Gehör gebracht, feiert der Lyriker das Zerschlagen von Porzellan. Zu dem Text „Die Tassen“ zupfte Kontrabassist Johannes Frisch beschwörende Klangkaskaden. In einem anderen Fragment schwammen dann Seepferdchen vorbei.

Kontrabass „summt“

Immer sind die hölderlinesken Arbeiten von Sprachmeister Jan Wagner rätselhaft, symbolschwanger und undurchschaubar wie ein sinisterer Thriller von Filmregisseur David Lynch. Und stets entzieht sich die Lyrik des 46-jährigen Berliners einer eindeutigen Auslegung.

Auf seinen Saiten imitierte Bassist Johannes Frisch mit einem Bogen das Summen von Stechmücken. „Dein Gesicht löst sich auf wie ein Stück Zucker“, heißt eine Zeile aus dem titelgebenden Gedicht „Regentonnenvariationen“. Surreal und sprunghaft wirken diese dadaistisch angehauchten Miniaturen von Jan Wagner, die fast ein bisschen an das wuchtige Buch „Zettel’s Traum“ von Arno Schmidt erinnern.

Doch gerade darum sind sie so inspirierend. „Ich spiele oft mit dem Kammerflimmer Kollektief und begleite Figurentheater“, erklärte Kontrabassist Johannes Frisch, der sich bereits künstlerisch mit dem Thema „Zeit“ befasste, nach der Aufführung. „Ich arbeite kulturell mehr in Mannheim als in meiner Heimatstadt Karlsruhe“, bekannte der 59-Jährige.