Kindernachrichten

Der eigene Stil

Auch im Zeitalter von Computer und Smartphone ist die Handschrift noch wichtig. Beim Schreiben lernt unser Gehirn besser, wir üben Motorik und Koordination. Wie wir die Buchstaben formen, verrät auch etwas über unseren Charakter.

Manche mögen es schnörkelig, andere sachlich. Mal beugt sich alles stark nach rechts, mal driftet es zur linken Seite. Wie wichtig ist heute noch eine individuelle Handschrift? Haben den Job nicht längst Smartphones, Tablets und Laptops übernommen?

Schulkinder wissen: Schreiben will gelernt sein. Meistens passiert es nach der vierten Klasse, dass aus unsicherer Druckschrift flüssige Schreibschrift wird. Svenja Stottmeister, Grundschullehrerin an der Neuen Schule Wolfsburg, beobachtet Jahr für Jahr, wie Schriften entstehen. „Jedes Kind findet einen eigenen Stil“, sagt sie.

Für Finger und Gehirn

Sowohl Erwachsene als auch Kinder tippen heute mehr, als dass sie selbst schreiben. „Man kommt mittlerweile auch ohne erfolgreich durchs Berufsleben“, weiß Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. „Was zählt, ist Schnelligkeit. Da bleibt für schönes Schreiben kein Platz.“ Überflüssig sei die Handschrift deshalb noch lange nicht.

„Sie gibt uns mehr, als wir denken. Schreiben wir etwas per Hand auf, können wir es uns besser merken, als wenn wir es in den Laptop tippen“, betont Meidinger. „Außerdem stellen wir eine stärkere Verbindung zum Geschriebenen her. Wir müssen uns vorher Gedanken darüber machen, was wir schreiben wollen.“

Auch Lehrerin Svenja Stottmeister legt großen Wert auf die Entwicklung der eigenen Schrift. „Das Verbinden einzelner Buchstaben ist eine sehr gute Übung für die Motorik“, sagt sie. Und nicht nur die Bewegungsfertigkeiten profitieren von Handgeschriebenem, sondern auch das Gehirn, ergänzt Helmut Ploog, Vorsitzender des Berufsverbands geprüfter Graphologen/Psychologen. Verbundenes Schreiben trainiere zudem die Hand-Augen-Koordination.

Leserliche Buchstaben

Dabei sei es nicht so wichtig, ob Kinder Schulausgangsschrift, die Lateinische oder die Vereinfachte Ausgangsschrift lernten, sagt Lehrerin Svenja Stottmeister. „Es kommt darauf an, dass sie überhaupt Buchstaben miteinander verbinden.“ Ums klassische Schönschreiben gehe es dabei nicht. Stottmeister: „Viel wichtiger ist, dass Kinder lernen, leserlich und deutlich zu schreiben.“ Daraus entwickle sich in der Regel von selbst ein individueller Stil. Und der verrät laut Helmut Ploog sogar viel über die Persönlichkeit.

So hätten Mädchen tendenziell eine sanftere Schrift, die sich stark an der Schulvorgabe orientiere. Jungs hingegen würden häufiger vom Einheitsbild abweichen. Auch könne man anhand der Schrift Stimmungen erkennen. Helmut Ploog: „Hat ein Kind seelische Probleme, kann es sein, dass die Schrift sich verändert. Sie wird abgehackter, Buchstaben brechen zusammen oder der Schreibfluss löst sich auf.“

Bitte mit Füller

Um eine individuelle, gut lesbare Schrift zu pflegen, braucht es laut Svenja Stottmeister vor allem eins: viel Übung. „Dabei geht es nicht darum, verbissen nach einer Vorlage zu schreiben“, sagt sie. „Kinder sollen entdecken, dass schönes Schreiben richtig Spaß machen kann.“ Um das zu erreichen, bietet die Lehrerin den Kindern besondere Schreibanlässe. „Sie dürfen zum Beispiel Gedichte auf schönem Papier mit Schmuckrahmen schreiben“, erklärt sie. „Allein dieses schöne Papier sorgt dafür, dass die Kinder sich richtig Mühe geben wollen.“ Auch Muttertagsbriefe seien dafür ein schöner Anlass.

Eine weitere Besonderheit beim Schreiben lernen ist laut Svenja Stottmeister auch der Füller. „Im Alltag benutzen wir ihn vielleicht nicht mehr so oft, und das ist auch in Ordnung“, sagt sie. „Aber für Kinder bietet der Füller eine ganz neue Schreiberfahrung. Sie können mit ihm nicht einfach loskritzeln.“ Der allseits beliebte Killer bleibt hingegen bis zur vierten Klasse unter Verschluss. Svenja Stottmeister: „Die Kinder streichen bis dahin Fehler sorgfältig mit einem Lineal durch. So lernen sie, sich von Anfang an Mühe zu geben.“ dpa