Kindernachrichten

Mit Tics durchs Leben

Vanessa hat das Tourette-Syndrom. Sie erzählt, wie es sich wirklich anfühlt, wenn ihr Körper außer Kontrolle gerät. Und wie andere Menschen darauf reagieren.

Wenn ich schnaube oder mit dem Kopf zucke, sind viele erstmal irritiert. Aber die wenigsten raffen, dass es Tourette ist“, sagt Vanessa Arnold. Die 22-Jährige aus Schneeberg im Erzgebirge war sechs Jahre alt, als sie die Diagnose bekam.

Die meisten verbinden die Krankheit Tourette mit dem unkontrollierten Rufen von Schimpfwörtern oder Wortfetzen. Doch tatsächlich machen das weniger als 20 Prozent ihrer Patienten, sagt Kirsten Müller-Vahl. Sie leitet in Hannover die größte Ambulanz in ganz Deutschland für Patienten mit dem Tourette-Syndrom.

Unterdrücken geht nicht

Um die Diagnose Tourette stellen zu können, müssten Patienten über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr motorische Tics und mindestens einen vokalen Tic haben. Dazu gehören nicht nur Schimpfwörter, sondern auch Räuspern, Hüsteln, Fiepen und andere unkontrollierbare Laute. Auch die Ausprägung der einzelnen Tics kann variieren. Die Krankheit tritt immer noch vor dem 18. Lebensjahr auf.

„In der Öffentlichkeit kann ich die Tics meistens unbewusst gut unterdrücken“, erzählt Vanessa. „Wenn ich dann aber nach Hause komme, entlädt sich alles. Manchmal kann ich sogar nicht einschlafen, weil mich die Tics wachhalten.“

Vanessa würde sich wünschen, dass mehr Menschen ihre Tics direkt richtig einordnen könnten. Sie habe oft das Gefühl, sich outen oder rechtfertigen zu müssen. „Vielen muss ich erklären, was ein Tic überhaupt ist und dass der nicht kontrollierbar ist. Ich vergleiche es immer mit dem Niesen, das ist auch schwer zu unterdrücken.“

Jedoch ist es für Außenstehende auch nicht immer einfach, einen Tic als solchen zu erkennen. Beispielsweise hatte Vanessa eine Zeit lang den Tic, Passanten wahllos den Mittelfinger zu zeigen. „Das war nicht so cool“, sagt sie. Oft würden Menschen sie anstarren oder beschämt wegschauen. „Das ist natürlich beides nicht so ein schönes Gefühl. Durch den Stress, der dann entsteht, werden die Tics oft noch heftiger.“

Abhängig von anderen

Doch woher kommen die Tics? Tourette gilt als neurologisch-psychiatrische Krankheit mit organischer Ursache, da sie das Gehirn betrifft, sagt Müller-Vahl. Die genauen Hintergründe seien aber noch unbekannt. „Man weiß, dass der Stoffwechsel im Gehirn bei Erkrankten verändert ist, aber nicht warum. Die Kommunikation zwischen verschiedenen Hirnzentren ist gestört.“ Stress könne die Symptome stark verschlimmern.

„Ich glaube, vielen ist einfach nicht bewusst, dass Tourette eine ernsthafte Krankheit ist, die das eigene Leben stark einschränken kann“, sagt Vanessa. „Fahrradfahren ist schwierig, also laufe ich viel. Zum Glück fahren mich meine Eltern und Freunde auch mal, wenn ich eine Strecke nicht laufen kann.“ Das mache sie aber ziemlich abhängig von anderen.

Eine Heilung ist derzeit nicht möglich, eine Reduzierung der Symptome jedoch schon. Durch eine Verhaltenstherapie können die Betroffenen lernen, ihre motorischen und vokalen Tics zu kontrollieren. Meist verschwinden die Tics dadurch nicht, aber die Betroffenen können besser damit umgehen. dpa