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Tierische Schauspieler

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Hunde oder Hühner einfach vor die Kamera stellen und losdrehen? Klappt nicht. Sie müssen ihre Rollen ebenso üben, wie Menschen. Wie das funktioniert, erklärt Filmtiertrainerin Renate Hiltl.

Im oberbayerischen Wang in der Nähe von Freising tummeln sich jede Menge Film- und Fernsehstars – und zwar vierbeinige. Seit Jahrzehnten betreibt Renate Hiltl dort ihre Filmtierranch. Hunde, Katzen, Ziegen, Schafe, Hasen, Mini-Schweine und Mäuse sind auf der weitläufigen Anlage mitten auf dem Land zu finden. Die Hunde aus der Sat.1-Serie „Der Bulle und das Biest“ mit Jens Atzorn und aus Kinokrimis wie „Sauerkrautkoma“ oder „Grießnockerlaffäre“ hat Hiltl ebenso zum Film gebracht wie die Katze aus der Komödie „Willkommen bei den Hartmanns“. Auch Lassie, bekannt aus der gleichnamigen Kultserie: In der Neuverfilmung „Lassie – eine abenteuerliche Reise“ ist der Rüde Bandit in der Rolle der berühmten Collie-Hündin zu sehen.

Harte Arbeit für alle

Schüchtern ist Bandit überhaupt nicht. Konzentriert hört er auf das, was Tiertrainerin Farina Klause ihm sagt und führt ihre Anweisungen aus. „Dreh dich. Gut. Dreh dich. Super gemacht!“, lobt die 29-Jährige. „Sitzen. Pfote. Andere Pfote. Steh.“ Nach jeder erfolgreich gemeisterten Aufgabe lässt Klause einen Knackfrosch knacken und belohnt den Hund mit einem Leckerli. „Bandit ist auf dieses Geräusch konditioniert“, erklärt Hiltl. Der Hund hat von klein auf gelernt: Wenn es knackt, hat er seine Sache gut gemacht. Bandit zeigt gerne, was er kann. Er bellt auf Befehl, überkreuzt seine Pfoten und steht geduldig still, während der kleine, flinke Chihuahua Mokka um seine Beine herum einen Achter nach dem anderen läuft.

Doch was so locker aussieht, ist harte Arbeit, für Tiere und Trainer gleichermaßen. Man dürfe den Hund nicht überfordern, und jeden Tag üben, meint Hiltl. „Das wird zu viel und dann zieht sich der Hund zurück und hat nicht mehr so Bock.“ Sie und ihr Team setzen auf kleine Übungseinheiten. Auch am Filmset gibt es Doubles, die einspringen, damit sich die tierischen Hauptdarsteller ausruhen können. „Dann gibt es auch mal zwei, drei Tage, wo man gar nichts macht. Dann denkt sich der Hund: „Wow, heut darf ich wieder.“

Doch längst nicht jeder Hund ist für den Film geschaffen. Die Optik muss stimmen: Mehr der süße Knuddelhund? Der Typ Traumhund mit seidig glänzendem Fell? Oder der freche, quicklebendige Faxenmacher? Auch die Persönlichkeit spielt eine Rolle. „Er muss ein gutes Wesen haben, gerne im Mittelpunkt stehen und nicht nervös werden, wenn 30 oder 40 Leute um ihn rumstehen“, sagt Hiltl. Und er müsse mit Freude bei der Sache sein. „Du brauchst sehr viel Zeit, Geduld und Liebe, um ein Tier so weit zu bringen“, sind sich Hiltl und ihre Trainerinnen Farina Klause und Pamina See einig.

Mit Freude dabei

Manche Tierschützer sehen es kritisch, wenn Tiere für Filmdrehs abgerichtet werden. Mit Gewalt würden sie zum Gehorsam gezwungen und für sinnlose und artfremde Kunststücke gefügig gemacht, heißt es etwa bei der Tierschutzorganisation Peta.

Davon kann auf der Filmtierranch in Wang keine Rede sein, die Tiere sind augenscheinlich mit Freude bei der Sache. Und rund ums Haus gibt es große Wiesen, auf denen sie sich austoben können. „Wenn man einen Hund hat, der nur auf dem Sofa liegen soll und dann dreimal am Tag in den Garten gelassen wird, das ist schlimmer für ihn, als ihn zu beschäftigen“, findet Renate Hiltl. „Er will das Gefühl haben, dass er eine Aufgabe im Leben hat.“ Außerdem gebe es Grenzen – etwa wenn das Drehbuch vorschreibt, dass ein Tier einen Fußtritt bekommt und durch die Luft fliegt. „Das würden wir nicht machen. Da müsste man tricksen und ein Stofftier nehmen.“

Hühner besonders schlau

Doch nicht nur Hunde können Filmteams in Wang für ihren Dreh ordern. Über externe Tierhalter bietet die Ranch auch Schlangen, ein Rentier, ein Stinktier und sogar Schaben an. Sie selbst hat auf ihrem Hof noch Mini-Schweine, Ziegen, Schafe, Hasen, Mäuse und Hühner. Klause hat besonderen Gefallen an dem Federvieh gefunden. „Hühner sind sehr intelligent, die werden immer unterschätzt“, erklärt die Trainerin. Das Wichtigste für die Hühner: Futter finden. „Sie lernen ganz schnell, wenn ich da hinpicke, bekomme ich ein Leckerli.“

Pamina See dagegen übt lieber mit Mäusen. Neugierig klettert eine von ihnen auf einen roten Teller, den die 24-Jährige ihr hinhält. Rot liebten Mäuse besonders, erklärt sie. Doch das Training der Nager erfordere viel Geduld. „Es ist schon schwieriger, weil Mäuse auch Fluchttiere sind.“ Stolz lässt See das Tierchen etwas vorführen – sich auf Befehl um die eigene Achse zu drehen.