Kino

„Bad Times at the El Royale“: Regisseur Drew Goddard dreht mit prominenter Besetzung

Überraschungsgäste im Todes-Motel

Drew Goddard? Auch eifrige Kinogänger müssen bei diesem Namen zunächst überlegen. In Hollywood aber, vor allem in Produzentenkreisen, weiß man sofort, um wen es sich handelt. Der Mann ist ein gefragter Autor, hat Skripts für Serien wie „Lost“ verfasst. Für sein Drehbuch zu „Der Marsianer“ wurde er für einen Oscar nominiert, als Regisseur hat er mit „The Cabin in the Woods“ im (Hinterwäldler-)Horrorgenre neue Impulse gesetzt.

Nun legt er seinen zweiten Spielfilm vor, einen Thriller mit Film-Noir-Anleihen, bei dem er sich erneut als innovativer Geist beweist. Wieder geht’s in die Abgeschiedenheit, ins amerikanische Nirgendwo nahe des Lake Tahoe. Genau gesagt in ein Motel, das auf der Grenze zwischen den Bundesstaaten Kalifornien und Nevada errichtet wurde. El Royale heißt die ehemalige Herberge, in der sich Stars, Sternchen und Politiker vergnügten. Dann wurde dem Betrieb die Glücksspiellizenz entzogen –schlechte Zeiten waren fortan angesagt. Der Titel bringt es auf den Punkt: „Bad Times at the El Royale“.

Die Stellung hält ein junger Concierge namens Miles (Lewis Pullman). Unsanft wird er in seiner Ruhe gestört. Plötzlich stehen drei Neuankömmlinge in der Lobby, wollen bestimmte Zimmer: Ein Priester, der sich Daniel Flynn (Jeff Bridges) nennt, die schwarze Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo) und ein nonstop redender Staubsaugervertreter, der auf den Namen Laramie Seymour Sullivan (Jon Hamm) hört. Später stößt noch eine rätselhafte junge Frau namens Emily (Dakota Johnson) hinzu – mit ihrer jüngeren Schwester Ruth (Cailee Spaeny), die sie an einem Stuhl gefesselt hält.

Man belauert sich und misstraut einander. Lügen und Geheimnisse, Hass und Gewaltausbrüche gibt es hier. In die 1970er-Jahre führt die Handlung. Im Fernsehen schwadroniert US-Präsident Nixon über den Vietnamkrieg, die Essensversorgung erfolgt über ein Automatenrestaurant, eine Wurlitzer-Jukebox wird mit Münzen gefüttert – soulig erklingen die Isley Brothers mit „This Old Heart of Mine“, rockig wird’s dann etwa mit „Hush“ von Deep Purple.

Nach einer versteckten Tasche mit Geld aus einem Bankraub wird gesucht, ein Pornofilm mit einem Prominenten taucht auf, die Räume sind mit Abhörmikrofonen verwanzt, hinter Zweiwegspiegeln findet sich eine Kamera. Wer spioniert? Die Bundespolizei oder das organisierte Verbrechen? Und dann erscheint noch der satanisch lächelnde Hippie Billy Lee (Chris Hemsworth) – modelliert nach dem berühmt-berüchtigten Sektenchef Charles Manson...

Keine der Personen ist die, die sie vorgibt zu sein. Jeder Gast birgt ein Geheimnis. In verschachtelt montierten Episoden treffen die Fremden aufeinander, in Rückblenden wird ihre jeweilige Vorgeschichte erzählt. Zwischentitel verweisen auf den jeweiligen Ort der Handlung – „Zimmer 4“ –, immer wieder wartet Neuentdeckung Cynthia Erivo mit fulminanten Gesangseinlagen auf. Ein Zeitporträt, akribisch ausgestattet, zugleich eine blutige Popkultur-Reminiszenz, verspielt und schräg. Eine lange, abwechslungsreiche Nacht bietet jedem der Figuren die Möglichkeit zur Erlösung, doch nur wenige erleben das Morgengrauen.

Eine mit ungeheuerem Stilwillen umgesetzte Arbeit, die mit skurrilen Einfällen aufwartet. So sind die Zimmer im Westflügel um einen Dollar teurer. Warum? Weil Kalifornien sonniger ist. Am ein wenig überkonstruierten Plot kann man sich stören, am überlangen Finale, was 141 Minuten Spielzeit zur Folge hat. Aber das nimmt man ob der trickreichen Storywendungen gern in Kauf. Hinzu kommt die Top-Besetzung – angeführt vom wunderbaren Jeff Bridges („The Big Lebowski“), der seine überdrehten Mitspieler zu Höchstleistungen anstachelt, während Hemsworth mit nacktem Oberkörper durch seine Physis besticht. Wohl sehr zur Freude der weiblichen Klientel.