Kino

Ältere Dame sucht Anschluss ...

„Greta“: In Neil Jordans Psycho-Thriller trifft US-Mainstream auf europäisches Autorenkino

In den Kinoarbeiten Neil Jordans finden sich Elemente des Surrealen und Bizarren, er begibt sich auf psychoanalytische Spurensuche und interessiert sich für politische Dramen.

Bei Großproduktionen ist der 1950 geborene Ire ebenso zu Hause wie bei kleinen, persönlichen Fingerübungen. Kaum ein Genre gibt es, das in seinem gut 20 Leinwandinszenierungen umfassenden Oeuvre nicht zu finden ist. Märchen, Historie, Sex & Crime, Alltagswirklichkeit. Siehe „Michael Collins“, „Interview mit einem Vampir“, „Mona Lisa“ oder „The Crying Game“.

Nun also „Greta“, ein in New York angesiedelter Psycho-Thriller, bei dem europäisches Autorenkino auf amerikanischen Mainstream trifft. Wer ob des Titels an Todd Haynes’ „Carol“ denkt, liegt nicht ganz falsch. Um eine attraktive Frau geht es wieder, diesmal jedoch nicht (vordergründig) sexuell konnotiert.

Handtaschen als Köder

Alles beginnt, als die Kellnerin Frances (Chloë Grace Moretz) in der U-Bahn eine Tasche findet – und darin einen Ausweis, der ihr die Adresse der Besitzerin verrät. Sie gehört einer französischen Witwe (Isabelle Huppert), die sich über die ehrliche Finderin freut und sie zum Kaffeeplausch einlädt. Schnell freunden sich die Frauen an, das Schicksal scheint zwei einsame Seelen zusammengeführt zu haben. Doch da stellt Frances fest, dass Greta regelmäßig Handtaschen als Köder auslegt.

Ein typischer B-Movie-Plot, vielfach variiert – das folgenreiche Zusammentreffen zweier unterschiedlicher Charaktere. Üblicherweise bekommt man es mit einer Mann-Frau-Konstellation zu tun, der Kniff besteht in diesem Fall jedoch darin, dass die Stalkerin eine ältere Dame ist – was man schon aus Adrian Lynes Klassiker „Eine verhängnisvolle Affäre“, in dem Glenn Close nach einem Seitensprung Michael Douglas das Leben zur Hölle macht, hinlänglich kennt. Womit schon alles gesagt ist, was diesen Film ausmacht.

Denn der Regisseur weiß nach seinem gemeinsam mit Ray Wright verfassten, recht vorhersehbaren Drehbuch wenig anzufangen. Klischee reiht er an Klischee, das wahre Paranoia-Gefühl will sich trotz typischer Schockmomente, der schleichenden Kamera von Seamus McGarvey und der stellenweise kreischenden Musik von Javier Navarrete nicht einstellen. Die Figuren sind schablonenhaft gehalten: Die brave Frances leidet unter dem Tod der Mutter und wohnt mit ihrer taffen Freundin Erica (Maika Monroe) in einem eleganten Loft, Greta residiert in einem schicken Hinterhaus im hippen Brooklyn, gediegen eingerichtet versteht sich, reichlich Krimskrams inklusive.

Wenig Überraschungen

Damit könnte man noch leben, die Versatzstücke und die Umsetzung sind genre-immanent, Überraschungen und echte Neuerungen kaum zu erwarten. Ärgerlich sind die aufgesetzten Dialoge und der Versuch, durch unnötige Hintergrundinformationen dem Stoff mehr Tiefe und Realismus zu verleihen. Bleibt als Pluspunkt, dass man Moretz und Huppert bei ihrem versierten Spiel gerne zusieht.

Bescheidenes Budget

Highlight ist diesbezüglich eine Restaurantszene, in der die Französin die Nerven verliert. Den Fans des Filmemachers sei noch verraten, dass dessen Lieblingsdarsteller Stephen Rea als reichlich dämlich agierender Detektiv kurz mit von der Partie ist. Wer will, kann hierin eine Referenz an Martin Balsams Detective Arbogast in Hitchcocks Meilenstein „Psycho“ erkennen. Aber damit lässt sich das bescheiden budgetierte Werk auch nicht mehr retten.