Kino

Alles klar auf der Andrea Doria

„Lindenberg! Mach dein Ding“: Hermine Huntgeburth widmet sich den frühen Jahren des ewigen Panikrockers

Über 4,4 Millionen verkaufte Tonträger sprechen für sich: Udo Lindenberg ist eine, vielleicht die Ikone der deutschen Rockmusik. Er ist neben Herbert Grönemeyer und Marius Müller-Westernhagen eine der wenigen deutschen Musikgrößen, die es noch schaffen, Stadions zu füllen und die Massen zu begeistern – und das seit 1973, als er sich mit „Alles klar auf der Andrea Doria“ auf Platz 23 der heimischen Charts positionierte.

Den frühen Jahren des 1946 im westfälischen Gronau geborenen Krautrockers widmet sich Hermine Huntgeburth („Effi Briest“) in „Lindenberg! Mach dein Ding“, sie porträtiert einen zielstrebigen Individualisten, dem inzwischen ein Museum und ein Musical gewidmet sind. Sonnenbrille und Schlapphut sind sein Markenzeichen, seine Texte eingängig und originell, sein politisches Engagement in Sachen innerdeutscher Beziehungen ist längst legendär – jahrelang bemühte er sich mit seinem Panikorchester, in der DDR aufzutreten. Nicht zu vergessen diesbezüglich die Lederjacke, die er SED-Generalsekretär Erich Honecker 1987 schenkte, wofür er im Gegenzug eine Schalmei, eine Martinstrompete, überreicht bekam.

All das ist längst Historie, verankert im kollektiven (Fan-) Gedächtnis: „Bei Onkel Pö spielt ‘ne Rentnerband seit zwanzig Jahren Dixieland, ‘n Groupie haben die auch, die heißt Rosa oder so und die tanzt auf’m Tisch wie’n Gogogo-Girl...“. Entsprechend spart die vielseitige Filmemacherin in ihrem Biopic die späteren Erfolgsjahre aus, konzentriert sich auf die Zeit vor dem Starruhm. In den frühen Siebzigern kommt Lindenberg (Jan Bülow) in seine Wahlheimat Hamburg. Im (anrüchigen) St. Pauli tritt er in schmuddeligen Etablissements auf, als Schlagzeuger, gemeinsam mit dem Bassisten Steffi Stephan (Max von der Groeben). Zwischendurch geht’s immer wieder zurück in die Kindheit. Trister „Gelsenkirchener Barock“ ist da angesagt, der Junge drischt mit Verve auf sein Trommelset ein, der desillusionierte Vater (Charly Hübner) versucht ihm einzubläuen, dass die „Lindenbergs Klempner werden und sonst nichts!“, derweilen die Mutter (Julia Jentsch) sich liebevoll um ihren Sohn kümmert.

Weitere Stationen sind Düsseldorf, wo Udo eine Lehre zum Kellner abbricht, ein traumatisierendes Engagement auf einer US-Militärbasis in der libyschen Wüste, der Verlust der Unschuld bei einer Prostituierten, der herbe Rückschlag mit der ersten LP und schließlich der Durchbruch mit Ohrwürmern wie „Mädchen aus Ost-Berlin“ oder „Hoch im Norden“.

Eine klassische Erfolgsgeschichte mit zig Hindernissen, die es zu überwinden gilt. Wunderbar locker im Ton, flüssig dargeboten. Dass das alles so gut funktioniert, ist (auch) ein Verdienst von Bülow („Dogs of Berlin“), der Lindenberg in Habitus, Sprache und der Art, wie dieser seine Lieder vorträgt, perfekt zu imitieren versteht, sich dabei jedoch noch eine markante Eigenständigkeit bewahrt.

Man begleitet den Showman, der mit der Folk-Rock-Band Die City Preachers ebenso aufgetreten ist wie mit den Jazzern Peter Herbolzheimer und Klaus Doldinger, auf dem Weg nach oben. Wird Zeuge, wie er beschließt, auf Deutsch zu singen, dabei ewig raucht und eigentlich in fast jeder Szene eine Flasche Alkohol in der Hand hält.

Liebevoll und detailgenau ist diese Rock’n’Roll-Mär ausgestattet, in nostalgischen Sepiatönen hält Sebastian Edschmid („Sauerkrautkoma“) seine Bilder. Man erfährt, untermalt von einer „Best of...“-Auswahl, dass „Sie spielte Cello“ von einem älteren Mädchen handelt, für das Udo einst schwärmte, und kann über das schlitzohrige Spiel von Detlev Buck als Manager von Lindenberg lachen. Eine ausgewogene, kurzweilige Hommage, die durchaus eine Fortsetzung verdienen würde. Zu erzählen gäbe es schließlich noch genug.

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