Kino

Der neue Film Damien Chazelle zeichnet in „Aufbruch zum Mond“ den Raumflug von „Apollo 11“ nach

Beschwerlicher Weg zum Ruhm

Auf den Lido, zu den Internationalen Filmfestspielen von Venedig, kehrte Damien Chazelle Anfang September zurück. Der Siegeszug seines späteren Oscar-Gewinners „La La Land“ hatte hier 2016 begonnen – keine schlechte Idee also vor Ort auch seine aktuelle Regiearbeit „Aufbruch zum Mond“ zu starten. Als Eröffnungsfilm ging die aufwändige US-Produktion ins Rennen um den begehrten Goldenen Löwen, für einen Preis reichte es schließlich nicht. Eine eher konventionell umgesetzte, grundsolide gehandhabte Mär liefert er ab, eine etwas biedere Variante von Philip Kaufmans Tom-Wolfe-Adaption „Der Stoff, aus dem die Helden sind“ (1983).

Erzählt wird die Geschichte von Neil Armstrong (1930 - 2012), der im Juli 1969 als erster Mensch einen Fuß auf den Mond setzte, begleitet von dem längst legendären Satz „Ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Schritt für die Menschheit“. Auf dem Sachbuch „First Man: The Life of Neil Armstrong“ des Historikers James R. Hansen, laut der „London Times“ ein „herausragendes, makellos recherchiertes Glanzstück“, basiert die filmische Biografie, zu der Josh Singer („Die Verlegerin“) das Drehbuch verfasst hat. Es kreist um die Konflikte, mit denen der Astronaut vor und während seiner legendären Mission konfrontiert war und schildert gleichzeitig die dramatischen Ereignisse des US-Raumfahrtprogramms, die sich zwischen 1961 und 1969 zutrugen.

Dynamische Eröffnungssequenz

Rasant geht’s los: Die Leinwand scheint zu wackeln, aus den Lautsprechern scheppert, kracht und donnert es, das grandiose, an den Nerven zerrende Tondesign hinterlässt den nachhaltigsten Eindruck, eher enervierend ist der genre-übliche Bombast-Soundtrack von Justin Hurwitz. Man meint als Zuschauer mit Armstrong (Ryan Gosling) in der Raumkapsel zu sitzen, spürt förmlich die physische und psychische Belastung, die der Kommandant der dreiköpfigen Crew ausgesetzt ist. Immer wieder geht Linus Sandgren ganz nah an dessen behelmtes, verschwitztes Gesicht heran. Diese Aufnahmen stehen im harten Gegensatz zu den imposanten, geradezu lyrischen Mondsequenzen.

Zwischen Himmel und Erde pendelt in der Folge die bildstarke Arbeit. Erneut interessiert sich Chazelle für einen Mann, der an seine Grenzen geht und dafür bereit ist, schwerste persönliche Opfer in Kauf zu nehmen. Häusliche Probleme sind es in diesem Fall. Zunehmend entfremdet er sich von seiner Frau, eindringlich gespielt von der großartigen Claire Foy, als Elizabeth II. Protagonistin der Hitserie „The Crown“. Er ist unfähig, sich ihr zu öffnen, ihr ihre Ängste zu nehmen und mit ihr auf Augenhöhe zu kommunizieren – wie auch mit seinen beiden kleinen Söhnen, denen er seine gefährliche Aufgabe nicht zu erklären versteht und sich zudem von ihnen nicht einmal richtig zu verabschieden vermag. Grund hierfür ist wohl der frühe Tod seiner Tochter, die als Zweijährige einem Gehirntumor erlag. Ohnmächtig musste er zusehen.

So strebt er nach Ruhm, will etwas erreichen, was niemandem zuvor gelungen ist. Seine innere Leere will der Mann füllen, den Gosling als wortkargen Grübler, stoischen Dickschädel und beruflichen Pedanten anlegt. An seinen Taten will er gemessen werden, über sich hinauswachsen. Dafür scheut er kein Risiko. Ein prototypischer Heroe, ein Lakoniker im Gefolge von John Wayne und Clint Eastwood. „Wir haben alles unter Kontrolle“, behauptet er gegenüber der Gattin. „Für euch ist das ein Spiel“, entgegnet sie wütend, „ihr habt nichts unter Kontrolle!“

Eingebettet in diesem komplizierten Eheleben, vor dem Hintergrund des amerikanisch-sowjetischen Wettlaufs zum Erdtrabanten, wird der Weg zur ersten Mondlandung in knapp zweieinhalb Stunden sorgsam nachgezeichnet. Das fordernde körperliche Training, Katastrophen, unerwartete Rückschläge, Zufälle, glückliche Fügungen. Mal aus der Innen-, dann aus der Außensicht gezeigt. Das führt in Sachen Spannung zwar zu einer guten Balance, hat aber auch zur Folge, dass der Film sich nicht eindeutig festlegen mag. Ist er nun großes Abenteuer oder häusliches Drama? Da darf der Zuschauer selbst entscheiden und sich dabei an der Ensembleleistung und der handwerklichen Perfektion erfreuen, unter anderem an Tom Cross’ virtuosem Schnitt.