Kino

Internationale Filmfestspiele von Venedig Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ überzeugt nur teilweise

Deutsche Geschichten erzählt

Archivartikel

Mit dem Oscar hat es auf Anhieb geklappt. Doch auch wenn Florian Henckel von Donnersmarck für „Das Leben der Anderen“ die Trophäe für den besten fremdsprachigen Film bekam und mit dem Stasi-Drama einen großen Publikumserfolg landete: Auf den ganz großen, bedeutenden Festivals konnte der deutsche Regisseur bislang keinen prestigeträchtigen Wettbewerbsplatz ergattern – weder mit seinem Debüt, das von der Berlinale abgelehnt wurde, noch mit dem weitgehend verrissenen Folgewerk „The Tourist“. Nun hat er es geschafft. Sein Künstler-Drama „Werk ohne Autor“ konkurriert im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Venedig um den Goldenen Löwen.

Episch große Bögen

Wieder schweift Donnersmarck zurück in die deutsche Geschichte. Ausufernd epische 188 Minuten nimmt er sich Zeit, um erzählerisch auszuholen und der Laufbahn des Künstlers Kurt Barnert (Tom Schilling) zu folgen – von der Nazi-Zeit über die DDR bis an die Düsseldorfer Kunsthochschule in der Bundesrepublik der 1960er Jahre. „Bei den Nazis und den Kommunisten konzentrierte man sich bei der Kunst sehr auf das Handwerk und eine politische Botschaft. Im Nachkriegsdeutschland wollten die Künstler alles neu erfinden und das Handwerk ging über Bord“, antwortete Donnersmarck in Venedig auf die Frage nach seinem satirischen Blick auf die damalige Kunstszene. „In einem Meer an Nonsense konnte die Kunst schnell untergehen. Versteckt darin gab es aber auch die Kunst, die großen Anteil an der Heilung unseres Landes hatte.“

Offensichtlich sind im Film die Parallelen zum Leben des deutschen Künstlers Gerhard Richter. Als Filmbiografie will der Regisseur sein „Werk ohne Autor“ allerdings nicht verstanden wissen. Richter heißt hier Barnert, und auch bei allen anderen Figuren hat Donnersmarck im Sinne erzählerischer Freiheit die Namen verändert. Mit dieser Freiheit klittert, verdichtet und spitzt er mit Zufällen zu, auch wenn er seine Bezüge zu der Biographie und zu Nebenfiguren wie Joseph Beuys oder wegbegleitenden Künstlern wie Günther Uecker recht eindeutig macht.

Anfangs verzweigt Donnersmarck die Handlung und erzählt ausführlicher von Barnerts Tante. Die landet unversehens in der Psychiatrie und wird aufgrund der Entscheidung seines späteren Schwiegervaters, des Arztes Seeband (Sebastian Koch), durch das Euthanasie-Programm der Nazis umgebracht.

Biographische Anspielungen

Zunehmend laufen die ausgelegten Handlungsstränge in Schillings Figur zusammen, während „Werk ohne Autor“ zentrale Fragen nach Inspiration, autobiografischen Einflüssen und der Suche nach dem künstlerischen Ausdruck verhandelt. Dabei spiegelt er über die Jahrzehnte und unterschiedlichen politischen Systeme hinweg, wie Kunst begriffen wurde und welchen propagandistischen Einfluss die Nazis und das SED-Regime darauf genommen haben.

Inszenatorisch neigt Donnersmarck vor allem in der ersten Hälfte nicht nur zu einer Überdeutlichkeit im komplexen Handlungskonstrukt, sondern auch zu einem etwas zu aufdringlichen Einsatz der emotional aufgeladenen Musik. Vor allem die Hauptfigur ist hier allerdings ausgerechnet ein Schwachpunkt: Die bewegte, teils sehr tragische Liebes- und Familiengeschichte mit seiner Frau Elisabeth (stark: Paula Beer) findet zu selten wirkliche, emotionale Resonanz in Barnerts Figur.

Nominiert für Oscar

Dass die seltsam unscheinbar bleibt, liegt dabei weniger an Schilling, der die Sache sehr ordentlich bewältigt. „Es gibt da ein großartiges Zitat von Gerhard Richter: ‚Meine Gemälde sind viel klüger als ich‘“, gab der 36-jährige Schauspieler in Venedig die Aussage des Meisterkünstlers wieder. „Das war auch meine Herangehensweise an die Rolle. Ich versuche, vorher nicht zu viel über die Figur zu wissen. Vielmehr hoffe ich, bei den Dreharbeiten inspiriert zu werden und dass mir die Dinge einfach passieren.“ In Venedig bekam Donnersmarck nach der ersten Vorführung zurückhaltenden Applaus. Doch auch wenn es mit dem Löwen nicht klappen sollte, wird es ja vielleicht was mit Oscar Nummer 2. Von deutscher Seite her bekam Donnersmarck zumindest schon Vorschusslorbeeren: „Werk ohne Autor“ geht als deutscher Kandidat um eine Nominierung ins Rennen.