Kino

Die Fremde im Zug

„The Commuter“: Jaume Collet-Serrs Eisenbahnthriller auf Alfred Hitchcocks Spuren

Einem berühmten Tennisspieler wird während einer Zugfahrt von einem Fremden ein merkwürdiges Angebot unterbreitet: Er schlägt vor, die scheidungsunwillige Gattin des Sportlers zu töten, wenn dieser im Gegenzug seinen Vater ermordet. Ein vermeintlich perfektes Verbrechen. „Verschwörung im Nordexpress“ heißt der Film, basierend auf Patricia Highsmith Romandebüt „Alibi für zwei“. In Szene gesetzt hat ihn 1952 Alfred Hitchcock, der „Master of Suspense“, erklärtes Vorbild des Katalanen Jaume Collet-Serra.

Auf Genrearbeiten hat dieser sich spezialisiert, „schmutzige“ harte, kleine Filme, mit ordentlichen Budgets und viel Stilwillen umgesetzt. In Extremsituationen versetzt der Regisseure seine Helden gerne, um Wahrscheinlichkeiten schert er sich dabei wenig, nach Spannung und Thrill steht ihm der Sinn.

Einen bevorzugten Hauptdarsteller hat er auch. Den Nordiren Liam Neeson („Schindlers Liste“), 1,93 Meter groß, muskulöse Holzfällerstatur, kantiges Gesicht und zupackende Hände, dem man sofort abnimmt, dass er einst als Gabelstaplerfahrer und Amateurboxer sein Geld verdient hat. In „Unknown Identity“ und „Non-Stop“, zwei Filmen von Collet-Serra schritt er schon energisch zur Tat, wie nun auch bei „The Commuter“. Beim englischen Titel ist der Verleih unverständlicherweise geblieben, mit „Der Pendler“ ließe er sich korrekt und einfach übersetzen.

Geheimnisvolle Frau

Als solcher verkehrt Michael MacCauley werktags zwischen seinem beschaulichen Vorortheim und Manhattan. Eines Tages wird er von einer mysteriösen Frau (Vera Farmiga) angesprochen, die ihm einen hohen Geldbetrag bietet, wenn er für sie einen bestimmten Passagier ausfindig macht. Die Hinweise auf die Identität der Zielperson sind spärlich: ein falscher Name und der Bahnhof, an dem sie aussteigt. Als der Versicherungsmakler zögert, macht die Unbekannte ihm unmissverständlich klar, dass sie das Leben seiner Familie in der Hand hat...

Elegant steigt der Filmemacher in die wendungsreiche Story ein. Im Schnelldurchlauf stellt Jaume Collet-Sara in der furios montierten Titelsequenz, die ausschließlich an Bord der Bahn spielt, seinen Protagonisten vor. Zehn Jahre in wenigen Minuten.

Polizist war er, die Korruption innerhalb der Behörde hat ihn veranlasst, seinen Job zu wechseln. Diesen hat er gerade verloren und weiß nicht mehr, wie er die Raten für sein Haus und die Ausbildung der Tochter zahlen soll. Knappe Informationen, die sich im Verlauf der Handlung als wichtig erweisen. Ex-Kollegen tauchen auf, Michaels alte Fähigkeiten sind beim Wettlauf gegen die Zeit gefragt.

Actionreiche Szenen

Die Gewalt explodiert, meisterlich wird die Enge des Raumes genutzt, virtuos ist die entfesselte Kameraarbeit von Paul Cameron (bekannt durch „Collateral“), eine Klasse für sich der finale Crash, den man am eigenen Leib mitzuerleben meint. Auf Optik, Stunts und Action wird ausschließlich gesetzt, das geht auf Kosten der insgesamt wenig ausgearbeiteten Charaktere. Schade für das namhafte Ensemble, dem unter anderem Sam Neill („Jurassic Park“), Patrick Wilson („Insidious“) und Elizabeth McGovern („Downton Abbey“) angehören.