Kino

Die Mission darf niemals gefährdet werden

Archivartikel

„Verteidiger des Glaubens“: Eine neue Dokumentation über Papst Benedikt XVI.

„Wir sind Papst“, hieß es am 20. April 2005 in der „Bild“-Zeitung. Einen Tag zuvor war mit Joseph Ratzinger der erste Deutsche seit fast 500 Jahren zum Papst gewählt worden. Ein „Arbeiter im Weinberg des Herrn“ sei er, sagte er damals. Auch wenn Ratzinger als sehr konservativer Vertreter der katholischen Morallehre galt, war der Jubel vor allem in Deutschland groß – damals.

Ein Jahrzehnt später steckt die katholische Kirche in ihrer wohl größten Legitimationskrise. Tausendfacher sexueller Missbrauch von Priestern an Kindern und Jugendlichen hat das Vertrauen in die Institution massiv erschüttert. Für den deutsch-britischen Filmemacher Christoph Röhl hängen diese beiden Ereignisse – die Wahl Ratzingers zum Papst Benedikt XVI. und die große Kirchenkrise – eng zusammen. In seiner Dokumentation „Verteidiger des Glaubens“ zeigt er Ratzinger als regelrecht tragische Figur, die viel wollte und das Gegenteil damit erreichte.

Röhl hat seinem Film ein Zitat des französischen Philosophen Blaise Pascal vorangestellt: „Der Mensch ist weder Engel noch Bestie, und sein Unglück ist, dass er um so bestialischer wird, je mehr er ein Engel sein will.“ Die zentrale These des Films: Ratzinger war nach dem Liberalisierung versprechenden Zweiten Vatikanischen Konzil maßgeblich daran beteiligt, dass die Kirche eine Rolle rückwärts machte. Darum trägt er Verantwortung für die autoritären Strukturen, die Missbrauch begünstigten und Täter schützten.

„Ein Baum, der nicht beschnitten wird, der schießt“, sagt Ratzingers Privatsekretär Georg Gänswein. Er will damit erklären, warum Ratzinger die Reformbewegungen innerhalb der Kirche als Präfekt der Glaubenskongregation und danach als Papst unterdrückte. Der Theologe Hermann Häring spricht von einem „System der Kontrolle“.

Zunächst zeichnet der Film den Aufstieg Ratzingers nach. Es ist die gängige Interpretation der Entwicklung von einem vergleichsweise progressiven Theologen zu einem erzkonservativen Kirchenfürsten. Unmittelbar vor seiner Wahl zum Papst erteilte er mit seiner Predigt zur „Diktatur des Relativismus“ jeglicher Liberalisierung der Kirche eine Absage. Aus Sicht Röhls wurde er wohl genau darum zum Papst gewählt.

Dann schwenkt Röhl um und zeigt die Opfer dieses Systems, das absolute Wahrheit für sich beansprucht. Die bekanntgewordenen Missbrauchsfälle hätten Ratzinger zutiefst frustriert, sagt Charles Scicluna, Erzbischof von Malta. Er habe nicht verstehen können, „wie Leute in der Lage sein könnten, die Priesterschaft und die heilige Berufung zu verraten“.

Mit Aussagen wie diesen untermauert Röhl seine These, dass es der Kirche unter Ratzinger aus seiner Sicht vor allem um die eigene Bedeutung ging, den eigenen Ruf, den Schutz des heiligen Priesteramtes – und weniger um das Leid der Opfer. Der Regisseur hat schon Filme über den Missbrauch an der Odenwaldschule gemacht. Er sieht Parallelen in einer gewissen Überzeugung: „Wir sind die Guten und unsere Mission darf deswegen auf keinen Fall gefährdet werden.“

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