Kino

Die Suche nach Sinn und Selbst

„Die Blüte des Einklangs“: Juliette Binoche ist in Japan auf der Suche nach einer Heilpflanze

Selbst innerhalb der talentreichen jüngsten Generation japanischer Autorenfilmer in der Nachfolge des großen Yasujirô Ozu gilt Naomi Kawase seit ihrem Spielfilmdebüt „Moe no suzaku“ (1997) als Ausnahmeerscheinung. Erinnerung, Familie, Identität – die Filme der Regisseurin und Drehbuchautorin beschäftigen sich auf intime Weise in schönen, wohl komponierten Bildern gerne mit der Kluft zwischen Tradition und Moderne. Neben ihren fiktiven Projekten ist sie im dokumentarischen Bereich tätig, wo sie bevorzugt – fast schon obsessiv – die eigene Familiengeschichte auslotet. 1969 in Nara geboren, ist sie bis heute die jüngste Preisträgerin der Goldenen Palme, die ihr 1997 in Cannes für „Moe no suzaku“ verliehen wurde. Zuletzt war in deutschen Kinos ihre poetische Liebesgeschichte „Radiance“ zu sehen.

Dem breiten Publikum ist sie hierzulande – sieht man vielleicht von ihrem Arthouse-Hit „Kirschblüten und rote Bohnen“ ab – dennoch weitgehend unbekannt. Das könnte sich nun jedoch ändern, hat sie doch für ihre aktuelle Arbeit einen Star engagiert: Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche („Chocolat“), zurzeit auf der 69. Berlinale als Jury-Präsidentin tätig. In „Die Blüte des Einklangs“ reist sie als Journalistin Jeanne nach Japan, wo sie nach einer seltenen Heilpflanze namens „Vision“ sucht. Im Yoshino-Gebirge soll sie beheimatet sein, der Legende nach nur einmal alle 997 Jahre blühen und den Menschen von seinen Ängsten befreien. Sie quartiert sich mit ihrer Übersetzerin Hana (Minami) beim Förster Tomo (Masatoshi Nagase) ein, dem sie bald näherkommt. Zudem lernt sie die alte Einsiedlerin Aki (Mari Natsuki) kennen, die viel über die Mysterien des Waldes zu wissen scheint.

Filmisches Rätsel

Eine klassische Liebesgeschichte zunächst, höchst ungewöhnlich für die Filmemacherin. Zwei Menschen aus verschiedenen Welten treffen aufeinander, entdecken ihre gegenseitigen Gefühle. Doch diese narrative Ebene wird schnell verlassen. Er: „Du siehst und hörst, du berührst und fühlst.“ Sie: „Liebe ist wie die Wellen, sie endet nie.“ Der Beginn einer philosophischen Selbst- und Sinnsuche.

Die Handlung löst sich förmlich im Nichts auf, mit dem linearen Erzählen ist es schnell vorbei. Rückblicke, Vorwärtssprünge, Einschübe, extreme Nahaufnahmen. Mysteriöse Figuren tauchen auf und verschwinden. Tiere sterben und erwachen wieder zum Leben. Ein filmisches Rätsel, dessen Deutung dem Zuschauer überlassen bleibt. Ein esoterischer Trip, dem man logisch nicht beikommt. Zugang ist nur möglich, wenn man sich einfach fallenlässt. Das ist sogar relativ einfach. Dank der meditativen, erdfarbenen Tableaus von Arata Dodo. Üppig sind Flora und Fauna, Nebel und Wolken ziehen, Vögel zwitschern, Wasser tropft in Zeitlupe und Großaufnahme von den Ästen. Die Sonne blitzt zwischen Bäumen durch, der Boden dampft, der Wind rauscht durch die Blätter.

Dazu passen die meditative Musik von Makoto Ozone und vor allem der feinfühlige, vielschichtige Tonschnitt von Boris Chapelle und Roman Dymny. Surreales, symbolhaftes, etwas zu pathetisches und uneinheitliches Kino für Kopf und Seele.