Kino

Digitales Wörter-Pingpong

„Gut gegen Nordwind“: Vanessa Jopp hat Daniel Glattauers Roman für die Leinwand aufbereitet

Spätestens seit 1998 in „e-m@il für Dich“ Tom Hanks und Meg Ryan via Internet zueinander fanden, hat die elektronische Post den klassischen Liebesbrief abgelöst. Überhaupt scheint es im Kino – wie in der Realität – neben dem Smartphone, WhatsApp, Twitter und Co. keine andere Form der Kommunikation mehr zu geben. Erinnert sei nur an Karoline Herfurths „SMS für Dich“, ganz zu schweigen von all den Teenie-Späßen im Nachhall von „Fack ju Göhte“, wo es auf der Leinwand inzwischen fast mehr rasante eingetippte Worte zu lesen als Dialoge zu hören gibt.

Rein virtueller Kontakt

Schlechte Zeiten für die Anhänger klassischer Verfilmungen von Briefromanen wie etwa Choderlos de Laclos’ „Gefährliche Liebschaften“. Diese Kunstform hat der Wiener Journalist und Schriftsteller Daniel Glattauer 2006 mit „Gut gegen Nordwind“ wiederbelebt. In 35 Sprachen wurde der Bestseller inzwischen übersetzt, rund 800 000 Exemplare wurden – Stand 2010 – verkauft. Eine erfolgreiche Dramatisierung folgte – mit begeisterten Theaterbesuchern von Wien bis Berlin –, ebenso wie eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis. Logisch, dass bereits eine Fortsetzung unter dem Titel „Alle sieben Wellen“ erschienen ist.

So war es natürlich nur eine Frage der Zeit, bis man sich an eine Version für die Lichtspielhäuser machte. Die hat die Berliner Firma Komplizen Film übernommen, die 2016 den Arthaus-Welterfolg „Toni Erdmann“ verantwortete. Mit dem Hollywood-Studio Sony Pictures als Partner, das mit seinem Tochterunternehmen Deutsche Columbia Pictures Filmproduktion am Projekt beteiligt ist. Als Regisseurin hat man die renommierte Vanessa Jopp verpflichtet, das Drehbuch hat die Deutsch-Engländerin Jane Ainscough verfasst, von der das Skript zu Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ stammt.

Eine Frauensache – mit der überaus populären „Tatort“-Kommissarin Nora Tschirner als Hauptdarstellerin. Sie spielt die smarte Emma, die ein Zeitschriftenabonnement via Mail kündigen möchte – mit der Zusatzfrage: „Ist das möglich?“. Diese Zeilen landen aus Versehen beim Linguisten Leo (Alexander Fehling), der sofort antwortet und erklärt, der falsche Adressat zu sein. Daraus entspinnt sich eine digitale Freundschaft, ein Wörter-Pingpong. Witzig und klug, scharf und böse. Bald werden persönliche Dinge preisgegeben. Die beiden kommen sich näher, wollen ihren Kontakt jedoch rein virtuell belassen. Mit gutem Grund: Leo schafft es nicht, von seiner Freundin Marlene (Claudia Eisinger) loszukommen, Emma ist mit ihrem Job, dem (entfremdeten) Mann (Ulrich Thomsen) und zwei Stiefkindern ausgelastet.

Ambitionierte Arbeit

Die Schwierigkeit der Umsetzung liegt auf der Hand. Es geht um mit Hilfe von Sprache evozierte Träume, um Wünsche. Um Gedanken, die durch Buchstaben in Gang gesetzt werden. Der Leser entwickelt seine eigenen Vorstellungen. Durch die gelieferten konkreten Bilder wird einem jedoch – auch ob der endlosen Textinserts – dieser Spaß genommen. Damit muss man sich arrangieren. Der Inszenierung, den Behauptungen der streitlustigen Protagonisten glauben. Tut man das, ist gute Unterhaltung gewährleistet.

Perfekt füllt die empathische Tschirner ihre Rolle. Quirlig ist sie, im Gegensatz zum verkopften Leo, den Fehling überzeugend ungelenk anlegt. Spannende Nebenfiguren sind Ella Rumpf als Leos pragmatische Model-Schwester und Thomsen als kantiger Dirigenten-Gatte. In einer namenlosen deutschen Stadt – hell und funktional fotografiert von Sten Mende – ist die stimmig ausgestattete Romanze angesiedelt, das nicht existente Kennzeichen „T“ ziert die Nummernschilder der Autos.

Eine ambitionierte Arbeit um den Zauber und die Gefahr von Beziehungen.

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