Kino

Ein einfacher Mann?

„Vom Ende einer Geschichte“: Ritesh Batra hat Julian Barnes’ preisgekrönten Roman adaptiert

Tony Webster ist glücklich geschieden und führt ein zurückgezogenes Dasein. Noch bevor der Wecker klingelt, ist er wach, dann bereitet er sich sein Frühstück zu, liest Zeitung und schlägt dem Postboten, der gerne ein paar Worte wechseln würde, in schöner Regelmäßigkeit die Tür vor der Nase zu. Anschließend macht er sich zu seinem kleinen Kamerageschäft auf, das er wohl eher aus Gewohnheit als mit Blick auf den Umsatz betreibt. Gepflegte Langeweile, präzise beobachtet, elegant auf die Leinwand gebracht. Britisches Qualitätskino, von der BBC mitproduziert – hohes handwerkliches Niveau ist da (fast) selbstverständlich.

Stark gezeichnete Figuren

„Vom Ende einer Geschichte“, der gleichnamige Erfolgsroman von Julian Barnes, 2011 erschienen, liegt dem Drama zugrunde. Die Drehbuch-Adaption hat Nick Payne besorgt, als Regisseur wurde der Inder Ritesh Batra verpflichtet, der bereits in seinem Erstling „The Lunchbox“ bewiesen hat, wie gut er es versteht, Figuren zu zeichnen und Normalität abzubilden. Mit der Routine ist es in Tonys (Jim Broadbent) Alltag vorbei, als er einen Brief erhält, der ihm eine Erbschaft ankündigt. Neugierig macht sich der Senior auf den Weg in die Anwaltskanzlei, wo er erfährt, dass es sich bei dem Nachlass um ein Tagebuch handelt. Vermacht hat es ihm die Mutter von Veronica.

Vor vielen Jahren waren sie ein Paar, bis sie sich überraschend für seinen besten Freund Adrian (Joe Alwyn) entschied. Was nach dessen Suizid aus seiner großen Liebe wurde, hat er nie herausgefunden. Adrians Aufzeichnungen, die sich im Besitz von Sarah (Emily Mortimer) befanden, reißen ihn aus seiner Beschaulichkeit, wecken Zweifel an den vermeintlichen Tatsachen seiner Biografie. Er beschließt, sich mit Veronica (Charlotte Rampling), die er aus den Augen verloren hat, zu treffen und erhofft Aufklärung. Doch je tiefer Tony in seiner Vergangenheit gräbt, desto mehr Fragen tun sich auf…

Um Erinnerung geht es, um die Meinung, die man selbst von sich hat. Tony, so stellt man bald fest, ist nicht unbedingt ein Mann, auf den man sich verlassen kann. Er macht es sich so leicht wie nur eben möglich, bleibt freundlich, aber unverbindlich – ob nun mit seiner Ex-Frau Margaret (Harriet Walter), die er regelmäßig zum Essen trifft, oder seiner hochschwangeren Tochter Susie (Michelle Dockery), die es längst aufgegeben hat, auf die Hilfe des Vaters zu hoffen oder auf dessen Rat zu hören. Ihm fehlt es einfach an Empathie – und das wird ihm ganz allmählich bewusst. Was dazu führt, dass er sich zögerlich zu ändern beginnt.

Diese Verwandlung, diese Selbstsuche, beschreibt der Filmemacher mit viel Fingerspitzengefühl. Er erklärt nicht, dekliniert nichts durch, man muss eigene Schlüsse ziehen. Bruchstückhaft geben die Charaktere Informationen preis. Hin und her in der Zeit springt die Handlung, wie bei einem Mosaik setzt sich das komplexe Bild Tonys langsam zusammen.

Das funktioniert perfekt, dank des nuancierten Spiels sämtlicher Beteiligter, ob nun Oscar-Preisträger Broadbent („Iris“), die unterkühlte Rampling („Red Sparrow“), die kantige Dockery („Downton Abbey“) oder Billy Howle als junger Tony, der sich seit seinem Part in „Dunkirk“ anschickt, ein Leinwandstar zu werden. Und dass in Sachen Ausstattung, Kostüme und Kamera grundsolide Arbeit geleistet wurde, braucht eigentlich gar nicht mehr erwähnt zu werden. Kluges Kino für Erwachsene.