Kino

Interview: Florian Henckel von Donnersmarck glaubt, dass sich in „Werk ohne Autor“ jeder wieder erkennen kann

„Ein guter Film ist demokratisch“

Archivartikel

Gleich mit seinem Abschlussfilm der Hochschule für Fernsehen und Film München, dem Stasi-Drama „Das Leben der Anderen“ (2006), erlangte Florian Maria Georg Christian Graf Henckel von Donnersmarck (45) Oscar-Ehren und Weltruhm. Auch die zweite Arbeit des gebürtigen Kölners war ein kommerzieller Erfolg. Der Thriller „The Tourist“ mit Angelina Jolie und Johnny Depp war 2011 für einen Golden Globe als „Bester Film“ nominiert. Nun legt der studierte Philosophie-, Politik- und Ökonomiewissenschaftler und Schüler von Richard Attenborough seinen dritten Kinofilm vor: „Werk ohne Autor“, der als deutscher Beitrag noch im Rennen um den Oscar 2019 ist. Ein Gespräch.

Herr von Donnersmarck, stellt sich ein Gefühl der Erleichterung ein, wenn ein Film endlich komplett ist?

Florian Henckel von Donnersmarck: Ja. Der Film ist ja erst kurz vor dem Filmfestival Venedig fertig geworden. Es ist schon ein gewisses Gefühl der Entspannung, wenn man sagen kann: „Endlich geschafft!“. Die Arbeit an „Werk ohne Autor“ hat vier Jahre gedauert. Und man lebt die ganze Zeit in einer Anspannung. Schafft man es, den Film so hinzubekommen, wie man ihn vor seinem geistigen Auge sieht? Wenn ein Film fertig ist, muss er mindestens einer Person gefallen: dem Regisseur. Alles andere ist ein schöner Bonus. Aber wenn selbst das nicht gegeben ist, dann ist es einfach nur tragisch.

Welche Phase in der Entstehung eines Filmes ist für Sie die intensivste?

Von Donnersmarck: Im positivsten Sinne intensiv ist es, wenn man die Idee zum Film hat. Wenn man endlich einen Stoff findet, in den man all diese Sachen packen kann, die einem bei einem Kinoerlebnis wichtig sind – und das auf eine Weise, die trotzdem organisch wirkt. Das geschieht nicht so oft. Vielleicht hatte Alfred Hitchcock genau dieses Gefühl, als ihm die Idee zu „Das Fenster zum Hof“ kam.

Und dann?

Von Donnersmarck: Das Verblüffendste in der nächsten Phase ist das Casting. Man wird Zeuge, dass es da draußen Künstler gibt, die die ausgedachten Figuren noch besser spielen können, als man es sich selbst je vorgestellt hat. Als ich Paula Beer kennenlernte, die gerade 21 geworden war, dachte ich, das kann nicht wahr sein. Sie hat eine solche Sicherheit im Spiel und wirkt dabei so, als entstamme sie tatsächlich einer anderen Ära. Dazu braucht es eine ganz andere Körpersprache. Die kann sie einfach erzeugen, so wie sie natürlich auch ganz modern spielen kann. Das zu erleben ist sehr bewegend. Oder dass Sebastian Koch es schafft, diesen furchtbaren Nazi und späteren Sozialisten, diesen unbarmherzigen Menschen so anzulegen, dass man ihm trotzdem bereitwillig zuschaut. Ich weiß gar nicht wirklich, wie das geht.

Was war es konkret, dass Sie an dieser Geschichte immer schon erzählen wollten?

Von Donnersmarck: Ich finde es immer spannend, vom ganz Kleinen ausgehend ins ganz Große zu springen. Einem großen geschichtlichen Ereignis wie der Bombardierung Dresdens seinen Raum zu geben, aber auch einem kleinen Pinselstrich, mit dem man dieses Ereignis vielleicht verarbeitet. Es geht in „Werk ohne Autor“ um Opfer und Täter der Nazi-Diktatur, aber auch ganz einfach um einen Schwiegervater, der versucht, seinen Schwiegersohn zu zerstören, weil er findet, dass der seine Tochter nicht verdient hat. Und um einen jungen Mann, der unter widrigen Bedingungen seinen Weg als Künstler finden muss. Insofern hat diese Story viel mit unser aller Leben zu tun.

Inwiefern?

Von Donnersmarck: Jeder weiß, was es bedeutet, gehasst zu werden. Jeder weiß, was es bedeutet, um Liebe zu kämpfen. Jeder weiß, was es bedeutet, sich selbst zu finden und sich gegen Leute zu behaupten, die versuchen, einen zu definieren. Seien es die eigenen Eltern, Lehrer oder ein Staatssystem. Dieses sich Befreien, sich Freischwimmen – das ist das eigentliche Thema des Films.

Gelten diese Aspekte auch für Ihr eigenes Leben?

Von Donnersmarck: Ich glaube wirklich, dass das jeder kennt. Ich habe versucht, im Spezifischen dieser Geschichte das Allgemeingültige zu finden. Die Unterschiede zwischen den Menschen sind gar nicht so groß, diese Überzeugung habe ich. Statt die Gemeinsamkeiten zu suchen, fokussiert man so sehr auf diese Unterschiede. Das ist ein Fehler. Es ist wie bei der Präsentation von Statistiken: Dort sieht man nur die Spitzen und dadurch wirken die Unterschiede ganz groß. Man muss schon sehr genau hinsehen, um festzustellen, dass sich darunter viel mehr Gleiches verbirgt. Ein gut gemachter Film ist ein demokratisches Medium. Er wird alle Menschen gleichermaßen packen, sofern sie mit offenen Herzen hineingehen.

Im Film gibt es mindestens zwei Situationen, die den Bereich des Übernatürlichen berühren. Kurt spürt in Seebands Büro die Gegenwart seiner verstorbenen Tante. Außerdem empfängt er in seinem Atelier Hinweise auf den Täter. Glauben Sie an Zeichen und Wunder?

Von Donnersmarck: Wenn man offen dafür ist sie zu sehen, gibt einem das Leben die ganze Zeit Lösungen für unsere großen Fragen mit auf den Weg. Angefangen mit unseren Träumen, die wir alle schändlich vernachlässigen. Es gibt Methoden, um sich morgens an seine Träume zu erinnern. Im Traum gibt uns ein rational nicht ganz zu erfassender Teil unseres Wesens Antworten auf große Fragen, die wir mit unserem Verstand nicht durchdringen können. Mit der Kunst verhält es sich ähnlich. Gerhard Richter wurde einmal gefragt, was er beim Malen eines bestimmten Bildes gedacht habe. Er antwortete: „Ich habe nicht gedacht. Ich habe gemalt.“. Für mich bedeutet das, dass man ein Problem durch Denken lösen kann, aber auch durch Malen oder eine andere Aktivität. Durch Liebe.

Was macht für Sie künstlerische Freiheit aus?

Von Donnersmarck: Ich finde es sehr gefährlich, die künstlerische Freiheit einzuschränken, durch Gesetze, durch Zensur. Ich bin ein großer Verfechter dieser Freiheit, auch wenn sie mitunter mit Verletzungen einhergeht. Ich glaube nicht daran, dass man an der Zensur vorbei Kunst erschaffen kann, indem man seine Botschaften verschlüsselt. Für mich zählt nur der ganz direkte, freie Ausdruck.

Als eine Inspirationsquelle diente auch die Biografie von Gerhard Richter. Warum trägt der Protagonist im Film einen anderen Namen?

Von Donnersmarck: Weil es nicht sein Leben ist. Er ist nur eine von vielen Inspirationsquellen. Ich will mir alle Freiheiten nehmen können und ein eigenes Kunstwerk schaffen. Es wäre mir zu wenig, einfach nur einen Lebenslauf abzufilmen. Ich wurde auch von Joseph Beuys und vielen, vielen anderen inspiriert. Es handelt sich um Dichtung, das sieht man auch an den Namen. Ist ein Filmemacher ein wissenschaftlicher Biograf? Nein! Das würde mich nicht interessieren.