Kino

Ein Kämpfer und Kotzbrocken

„Diego Maradona“: Asif Kapadia nähert sich in seiner Doku dem argentinischen Fußballer an

Die „Hand Gottes“ sei im Spiel gewesen, erzählte Diego Maradona gerne, angesprochen auf sein irreguläres 1:0 gegen England im WM-Viertelfinale 1986 in Mexiko-Stadt. Natürlich war seine Hand im Spiel, auf den TV-Bildern ist das deutlich zu sehen – nur den Schiedsrichtern ist es entgangen. Minuten später setzte Maradona dann wieder zum ihm eigenen körperbetonten Dribbeln an, schoss und überwand Torwart Peter Shilton – mit dem laut FIFA-Internetabstimmung „WM-Tor des Jahrhunderts“. Die „Three Lions“ schieden 1:2 aus dem Turnier aus, Argentinien wurde Weltmeister. Die Aktionen zeigen, was den südamerikanischen Ausnahmeathleten ausgemacht haben: Schlitzohrigkeit und Können.

Für viel Geld eingekauft

Auf die Spuren des Fußballers und Menschen begibt sich der britische Dokumentarfilmer Asif Kapadia, der bereits für seine Annäherungen an den brasilianischen Formel-1-Guru Ayrton Senna und die britische Skandal-Sängerin Amy Winehouse prämiert wurde. 1984 setzt seine schlicht „Diego Maradona“ betitelte Hommage ein, die ohne Erzähler auskommt. Bei den Boca Juniors in Argentinien hat Maradona gespielt, dann beim FC Barcelona, wo er nie heimisch wurde. Einen komplizierten Knöchelbruch hatte er erlitten, war zudem nach eigenen Angaben vollkommen „pleite“. Für damals sagenhafte 24 Millionen DM Ablösesumme kaufte ihn da im Juli der italienische Erstligist SSC Neapel.

Extrem viel Geld für ein höchstens mittelmäßiges Team, das in der Serie A noch nie einen Meistertitel errungen hatte und auf nur zwei Pokalsiege verweisen konnte. Die Fachwelt fragte sich, wie Club-Präsident Corrado Ferlaino so viel Geld hatte auftreiben können. Fast zwangsläufig wurde die Pressekonferenz, auf der der neue Star vorgestellt wurde, mit der Frage eröffnet, ob nicht die lokalen Capos der Verbrecherorganisation Camorra die Hände im Spiel gehabt haben. Große Empörung seitens des SSC-Bosses, der den „unverschämten“ Journalisten des Raumes verweisen ließ und dann zur flammenden Lobrede auf die „aufrechten, fleißigen Bewohner“ der Hafenstadt anhob.

Alte, verwackelte und verkratzte Aufnahmen rufen diese Szene in Erinnerung, der typische Stil des Filmemachers, der stets ausschließlich Originalmaterial nutzt, das er mit Off-Interviews von Zeitzeugen unterlegt – unter ihnen Pelé, Fitnesstrainer Fernando Signorini und Ehefrau Claudia Villafañe – und das Maradona punktuell kommentiert. Aus über 500 Stunden größtenteils unveröffentlichten Clips und Hobbyfilmen aus dem Privatbesitz des Sportlers hat er sein 130 Minuten langes Porträt montiert, in dem er sich primär auf die sieben Jahre konzentriert, in denen Maradona bei Neapel unter Vertrag stand.

Geliebt wie gehasst

Wie ein moderner Heiland wird Diego Armando Maradona, 1960 als fünftes Kind in einem Slum von Buenos Aires geboren, in „bella Napoli“ verehrt, nachdem er seinen Club 1986/87 zur ersten Meisterschaft geführt hat. Endlich werden die SSC-Kicker nicht mehr als die „Afrikaner“ Italiens verspottet. „Du bist größer als der Papst“, ruft ein Journalist. Die Antwort: „Das heißt nicht viel!“ Zwei Monate sollen die Feierlichkeiten nach dem Titelgewinn gedauert haben.

Der Ruhm steigt ihm zu Kopf. Kokain, Partys, Affären, ein unehelicher, lang verleugneter Sohn. Markenklamotten, Schmuck, enge Verbindungen zur Unterwelt. Schließlich ein Drogenentzug.

Ein facettenreicher Mann, ein Kämpfer, ein Kotzbrocken, geliebt wie gehasst. Die Widersprüche sind es, die ihn ausmachen. Torschützenkönig, Titan und tragische Figur. Perfekt wird das herausgearbeitet, unkommentiert, ohne Wertung. Man muss sich sein eigenes Bild von diesem fußballerischen Genie machen.

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