Kino

Ein Leben für die Filmkunst

„Auf der Suche nach Ingmar Bergman“: Margarethe von Trotta huldigt dem schwedischen Ausnahmeregisseur

Vom Ingmar-Bergman-Bazillus ist sie infiziert: Margarete von Trotta, eine der herausragenden Persönlichkeiten des deutschen Films. Dessen „Das siebente Siegel“ hatte sie Anfang der 1960er-Jahre in Paris erstmals gesehen: „Für mich war der Film wie eine Explosion“, schwärmt sie, er hat sie zum Kino gebracht. Entsprechend muss man ihre Dokumentation „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ als Liebeserklärung oder zumindest Hommage lesen.

Es geht ihr nicht um eine Gesamtbetrachtung oder Einordnung des Werks ihres Vorbilds, sie nähert sich dem Filmmagier eher als Verehrerin. Durchaus auf Augenhöhe freilich, zählte Bergman doch ihren Geschwister-Ensslin-Film „Die bleierne Zeit“ – 1981 in Venedig mit dem Goldenen Löwen prämiert – zu den Arbeiten, die ihn am meisten geprägt und gefallen haben.

Interviews mit Vertrauten

Zig Weggefährten hat sie zum Interview gebeten, Familienmitglieder, Freunde, Kollegen. Darunter dessen langjährige Muse Liv Ullmann: „Was an Ingmar fantastisch war, bei jedem Film: Er stand ganz nah bei der Kamera, sehr, sehr nah, er war der beste Zuschauer.“ Oder den Schriftsteller Jean-Claude Carrière: „Das Thema Schuld beschäftigte ihn sehr, im religiösen Sinn. Doch nach und nach verblasste die religiöse Komponente zugunsten einer reinen Menschlichkeit.“ Die unterschiedlichen Aussagen setzen sich wie ein Mosaik zum Gesamtbild zusammen. Dabei wirkt die Auswahl der Gesprächspartner etwas willkürlich, Carrière hat beispielsweise nie mit Bergman kooperiert, ebenso wenig wie der Franzose Olivier Assayas („Carlos – Der Schakal“), der zumindest einen Interviewband mit dem Mann aus Uppsala veröffentlicht hat. Da vermisst man den bekennenden Fan Woody Allen, der einst seinem Idol mit „Innenleben“ oder „September“ nacheiferte. Insgesamt –natürlich – viel Lob.

Spannender sind die kritischen (Zwischen-)Töne. Etwa die klugen Ausführungen von Ruben Östlund („The Square“), der von den zwei großen schwedischen Filmlagern erzählt, von der Konkurrenz zwischen Bergman und Bo Widerberg („Schön ist die Jugendzeit“). Die Finger in offene Wunden legen die Angehörigen. Regisseur Daniel Bergman, Sohn aus der vierten Ehe mit Käbi Laretei („Fanny und Alexander“), räsoniert: „Ich frage mich immer: Was ist so schwer daran? Wenn du deine eigene Kindheit so gut verstehst, warum verstehst du dein eigenes Kind nicht?“

Egomaner Kontrollfreak

Von einem Geburtstag wird berichtet, Bergman lamentiert. Ihm fehlen seine Schauspieler. Tochter Eva fragt: „Warum sagst du nicht einmal, dass du deine Kinder und Enkel vermisst?“ Antwort: „Weil es nicht so ist.“ Ein Leben ausschließlich für die Kunst.

Und das ist bestens dokumentiert. Neben den Statements gibt es reichlich Archivmaterial – bekanntes und unbekanntes. Filmausschnitte, Dreharbeiten, Setbesuche … Bergman auf Presseterminen und privat in seinem Haus auf der Ostseeinsel Fårö … Ein Schwerpunkt liegt auf seiner Münchner Zeit, als er am Bayerischen Staatsschauspiel inszenierte. Sein damaliger Regieassistent Johannes Kaetzler kommt ausführlich zu Wort: „Ihm war es ganz lieb, wenn der Probenraum 12 Grad hatte. Und das war hart für die Schauspieler. 12 Grad und dunkel.“ Nur Gutes über den Maestro weiß Freundin Rita Russek („Aus dem Leben der Marionetten“) zu berichten: „Ich hab’ ihn wirklich wahnsinnig gerngehabt. Komischerweise hatte ich auch nicht das Gefühl, dass er unnahbar wäre oder etwas ganz Besonderes.“ Heldenverehrung und ein paar nette Anekdoten. Insbesondere die, dass Bergman schon lange vor seinem Tod seinen eigenen Sarg bestellt und die Gästeliste für die Beerdigungsfeier zusammengestellt hatte. Ein genialer, egomaner Kontrollfreak.