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Eine Bäuerin sieht rot

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„Milchkrieg in Dalsmynni“: Eine verschuldete Frau steht im Zentrum des isländischen Films

Auf den isländischen Film ist man spät aufmerksam geworden. Das obwohl die erste Produktionsfirma bereits 1904 gegründet und das erste Lichtspieltheater zwei Jahre später in Reykjavik eröffnet wurde. Filmhistorisch wichtig war das Jahr 1948, Óskar Gíslason drehte den Dokumentarfilm „Die Rettungstat vom Latraberg“, Loftur Gumundsson realisierte mit dem Heimatfilm „Zwischen Berg und Strand“ den ersten heimischen Tonfilm.

Den bescheidenen Anfängen folgte schließlich zu Beginn der 1980er der Durchbruch. Dafür maßgeblich war die Gründung einer Filmförderanstalt, die Installation eines Festivals, das seit 1978 regelmäßig in der Hauptstadt stattfindet, sowie die Einrichtung eines Filmarchivs. Hinzu kam, dass junge Regisseure –nach Besuch (europäischer) Filmschulen und mit Geldern des 1966 ins Leben gerufenen Fernsehens – ihre ersten Arbeiten realisierten. Mit ihrer Geschichte und Kultur setzten sie sich in ihren Produktionen bevorzugt auseinander.

Weltweit für Aufsehen sorgten die Wikingerfilme von Hrafn Gunnlaugsson, etwa „Der Flug des Raben“ (1084), Fririk ór Fririkssons Roadmovie „Children of Nature – Eine Reise“ (1991) und Baltasar Kormákurs schwarze Komödie „101 Reykjavik“ (2000). Euphorische Kritiken, Preise und gute Besucherzahlen sorgten dafür, dass sich fortan nicht mehr nur Cineasten mit dem Inselkino beschäftigten. Inzwischen haben sich die isländischen Filmemacher international etabliert, nicht zuletzt im Zuge des skandinavischen Krimibooms, wie die Erfolgsserie „Der Adler – Die Spur des Verbrechens“ mit Jens Albinus belegt.

Einen weiteren Beweis für die hohe Qualität dortigen Schaffens nebst dem Gespür für publikumswirksame Unterhaltung liefert nun Grímur Hákonarson („Sture Böcke“) mit „Hérai“, vom deutschen Verleih etwas unglücklich mit dem Titel „Milchkrieg in Dalsmynni“ versehen. Thematisch, siehe Gleichstellungs- und #MeToo-Debatte, erweist er sich ganz auf Höhe der Zeit. Seine Heldin Inga (großartig: Arndís Hrönn Egilsdóttir) ist eine Wiedergängerin von Frances McDormands Mildred Hayes in „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und Zorica Nushevas Protagonistin in „Gott existiert, ihr Name ist Petrunya“.

Mit ihrem Mann betreibt sie tief in der Provinz einen hoch verschuldeten Milchhof. Als der Gatte bei einem Autounfall tragisch ums Leben kommt, beschließt sie, ihre berufliche Misere zu beenden. Sie will sich von der lokalen Kooperative, die ihre Monopolstellung mit erpresserischen Methoden ausnutzt, lossagen und selbstbestimmt wirtschaften.

Ein Kampf David gegen Goliath, bei dem die Frau auf soziale Medien und TV-Interviews setzt, Mitstreiter sucht und auch nicht davor zurückschreckt, stinkende Gülle vor dem überteuerten Supermarkt der Genossenschaft auszulassen. Mit dem Chef des Vereins, der sich wohlmeinend und verständnisvoll gibt, legt sie sich an, ebenso wie mit dessen willfährigem Handlanger, dem sie kurzerhand Mist auf die Windschutzscheibe seines SUV schaufelt...

Karges Land, einsilbige Leute. Ein (Winter-)Western im modernen Gewand – Großrancher gegen kleine Farmerin. Gefütterte Regenjacke statt Fransenlederweste, Gummistiefel statt Cowboy-Boots, Worte statt Waffen und gelegentlich kleinere Handgreiflichkeiten. In langen ruhigen Einstellungen fängt Mart Taniel die Geschehnisse ein, die Kamera nach John Fords Devise stets auf Augenhöhe.

Eine lapidare Bestandsaufnahme aktueller Zustände, pointiert und mit augenzwinkerndem Witz erzählt. Im Subtext werden Landflucht, Globalisierung und die Probleme zeitgenössischer Landwirtschaft verhandelt. Ein wuchtiges „kleines“ Werk, das mit patriarchalen Strukturen abrechnet und zur Solidarität aufruft.

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