Kino

Einen Jux will er sich machen

„The Dead Don’t Die“: Independent-Ikone Jim Jarmusch inszeniert eine Zombie-Komödie

Jim Jarmusch ist bis heute der wohl konsequenteste unter den Independent-Filmemachern. Er wurde 1953 in Akron, Ohio, geboren, erlernte bei Nicholas Ray („... denn sie wissen nicht, was sie tun“) sein Handwerk und gab 1980 mit „Permanent Vacation“ sein Leinwanddebüt. Bereits bei seiner zweiten Arbeit, dem Episodenfilm „Stranger Than Paradise“ (1984), hatte er seinen (minimalistischen) Stil gefunden - lakonische Figuren, beiläufige Dialoge, getragenes Tempo, lange Einstellungen und eine Vorliebe für Parallelfahrten.

Zu seinen Meisterwerken zählt etwa auch der Spät-Western „Dead Man“ mit Johnny Depp sowie die Noir-Variante „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ mit Forest Whitaker als Profikiller, der auf den Spuren von Alain Delons „eiskaltem Engel“ wandelt. 2005 präsentierte er in Cannes seine kommerziell erfolgreichste Produktion „Broken Flowers“. Stoiker Bill Murray glänzt da als von der Midlife-Crisis gebeutelter (Anti-)Held, der vergangene Liebschaften aufsucht.

Nun kehrte Jarmusch wieder an die Côte d’Azur zurück, erneut in Begleitung von Lieblingsdarsteller Murray. Diesmal durfte er mit „The Dead Don’t Die“ die renommierte Filmschau sogar eröffnen. Die Toten lässt er auferstehen, wagt mit seiner Horrorkomödie einen satirischen Ausflug ins Zombie-Genre, das, siehe die Hit-Serie „The Walking Dead“, – nu ja – nicht totzukriegen ist. Handlungsort die beschauliche Kleinstadt Centerville. Hauptstraße, Diner, Tankstelle, Motel, Friedhof... Ein Americana.

Sheriff Cliff Robertson (Murray) und Kollege Ronald Peterson (Adam Driver) haben gerade die Jagd auf den vermeintlichen Hühnerdieb „Einsiedler Bob“ (Tom Waits) eingestellt, sitzen im Streifenwagen, freuen sich auf den Feierabend. Aus dem Autoradio tönt der titelgebende Country-Song von Sturgill Simpson. Cliff: „Der Song kommt mir bekannt vor.“ Ronald: „Klar. Ist doch unser Themen-Song“. Der Running Gag des (selbst-)ironischen Werks, das zig einschlägige Klassiker zitiert, von George A. Romeros „Die Nacht der lebenden Toten“ bis zu John Carpenters „Assault“. Eine Fingerübung, die sich selbst weder ernst noch wichtig nimmt.

Die Cops rätseln, warum es trotz fortgeschrittener Stunde noch nicht dunkel ist. Die Nachrichten verraten es: Eine Verschiebung der Erdachse, ausgelöst durch „Polar-Fracking“. Was natürlich weitestgehend als Fake News abgetan wird. Trump und die Politik schleichen sich im Subtext ein, in dem der Regisseur und Drehbuhautor vor den Folgen des Klimawandels warnt und den Konsumwahn anprangert. Eine schöne Volte, die nicht wirklich ausgearbeitet und entsprechend umgesetzt wird.

Die Bestatterin hilft

Denn bald tun sich die Gräber auf. Die Untoten torkeln durch die Gegend - hungrig nach Menschenfleisch, einem Gläschen Chardonnay nicht abgeneigt. Die Kleinstädter rüsten zum Gegenschlag. Die Köpfe der Ghule gilt es vom Rumpf zu trennen. Das Polizistenduo bewaffnet sich mit Machete und Schrotflinte, bekommt Unterstützung von der jungen Uniformträgerin Mindy (Chloë Sevigny) und der neu zugezogenen schottischen Bestatterin Zelda (Tilda Swinton).

Ein Spaß mit Freunden, ein „friends and family“-Treffen, landendes Ufo inklusive. Iggy Pop dürstet es nach Kaffee, Farmer Steve Buscemi , „Make America White Again“-Kappe auf dem Kopf, wundert sich, warum die Tiere auf seinem Hof verschwinden. Mit Nestroy: „Einen Jux will er sich machen“. Jarmusch kann auch anders. Augenzwinkernder Mainstream.