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Emanzipation und Ehrgeiz

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„Little Women“: Greta Gerwigs mitreißende Romanverfilmung

Mit ihrer Romanverfilmung „Little Women“ macht die 36-jährige Greta Gerwig Schlagzeilen. Das hat die Regisseurin, Schauspielerin und Drehbuchautorin so nicht unbedingt gewollt. Nach der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen bemängelten Kritiker und Fans, dass Gerwig in der Sparte „Beste Regie“ übergangen wurde. Keine einzige Frau hat in diesem Jahr Chancen auf den Regie-Oscar. Gerwig aber hätte es ohne Zweifel verdient.

Doch der Liebling der Independent-Film-Szene kann sich mit sechs Nominierungen für Hollywoods höchsten Preis trösten: „Little Women“ ist in der Top-Sparte „Bester Film“ im Rennen, Hauptdarstellerin Saoirse Ronan und Nebendarstellerin Florence Pugh sind nominiert, Gerwig selbst könnte den Oscar fürs beste adaptierte Drehbuch gewinnen. 2018 war sie mit ihrem Regiedebüt „Lady Bird“ als erst fünfte Frau überhaupt für den Regie-Oscar nominiert worden, ging am Ende aber leer aus.

Das starbesetzte Schwestern-Drama nun ist in jeder Hinsicht preiswürdig. Gerwig begibt sich auf Zeitreise zurück in die 1860er Jahre, gegen Ende des amerikanischen Bürgerkriegs. Vorlage ist der Jugendbuchklassiker „Betty und ihre Schwestern“ der Autorin Louisa May Alcott. Es geht um die Romanzen, Träume und Ambitionen von vier Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein können: die älteste, hübsche Meg (Emma Watson), die von einer Familie träumt, die wilde, unabhängige Jo (Saoirse Ronan), die Schriftstellerin werden möchte, die scheue musikalische Beth (Eliza Scanlen) und die freche, blonde Amy (Florence Pugh), die sich für Malerei interessiert.

Der Vater ist im Krieg, die Schwestern schlagen sich mit ihrer Mutter (Laura Dern) im ländlichen Massachusetts durch. Alcotts 1868 veröffentlichter Roman mit autobiografischen Zügen war ein voller Erfolg. Feinfühlig und lebendig schildert sie die Abenteuer der Schwestern, die sich an den Gesellschaftsnormen und Geschlechterrollen der Zeit stoßen und ihren eigenen Weg finden müssen. Mehrfach wurde die Vorlage schon verfilmt, 1933 mit Katharine Hepburn als rebellische Jo, 1994 mit Winona Ryder in der Hauptrolle.

Nun packt Gerwig den Stoff frisch an, im Mittelpunkt die aufmüpfige, schreibwütige Jo. „Ich habe es so satt, wenn die Leute sagen, dass Liebe das Einzige ist, wozu eine Frau fähig ist“, bricht es aus ihr heraus. Heiraten kommt nicht in Frage. Den Antrag des reichen Nachbarsjungen (Timothée Chalamet) lehnt sie ab. Von einem Verleger in New York muss sie sich allerdings sagen lassen, ihre Geschichten sollen „kurz und pikant“ sein und Frauen als Hauptfiguren müssten heiraten oder sterben.

Emanzipation, Ehrgeiz, Karriere, Familie – unter Gerwigs gekonnter Regie wirkt der klassische Stoff völlig zeitlos. Das Coming-of-Age im 19. Jahrhundert wirft moderne Fragen auf, wie Frauen ihren eigenen Weg gehen können. Dabei ist „Little Women“ alles andere als steif oder belehrend. Gerwig peppt den herzerwärmenden Kostüm-Klassiker mit fetzigen Szenen auf und folgt keiner chronologischen Erzählung. „Little Women“ ist wie ein Relikt aus alten Zeiten, doch dank Gerwigs Handschrift kein bisschen verstaubt.

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