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Englisches Elend

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„Sorry We Missed You“: Ken Loach beleuchtet einmal mehr die Auswüchse des modernen Turbokapitalismus

Schwarz bleibt die Leinwand zunächst. Nur die Stimme von Ricky Turner (Kris Hitchen) ist zu hören. Wieder einmal bewirbt er sich um einen Job. Getischlert hat er, Böden verlegt, war als Gärtner tätig und natürlich als Klempner und Maurer. Ein umtriebiger Mann, der zupacken kann, mit vielen Talenten gesegnet, aber ohne Anstellung. Ewig hat man ihn herumgeschubst, gesagt, was er zu tun hat. „Man hat immer einen im Nacken“, erklärt er seinem Gegenüber. „Ich wäre gerne selbstständig, eigener Boss.“

Da scheint er beim Zustelldienst PDF – „Parcels delivered fast“, sprich „Pakete schnell geliefert“ – endlich an der richtigen Adresse zu sein. „Sie arbeiten nicht für uns, sondern mit uns“, erklärt ihm sein neuer Vorgesetzter. Eine zwiespältige Aussage. Für verspätete Lieferung muss man Strafe zahlen, vom leistungsorientierten Lohn werden die Kosten für den von der Firma gestellten Kastenwagen abgezogen. Es sei denn, er verfügt über einen eigenen Transporter. Kurzentschlossen erwirbt Ricky einen, mit dem Erlös aus dem Verkauf des Autos von Gattin Abbie (Debbie Honeywood). Sehr zu deren Leidwesen muss die Altenpflegerin doch nun mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihren Hausbesuchen fahren.

Eine Sozialstudie, eine Spezialität von Ken Loach, Liebling des Filmfestivals von Cannes, wo der inzwischen 83-jährige Brite zweimal mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. In die Industriestadt Newcastle begibt er sich in „Sorry We Missed You“, wie zuletzt in „Ich, Daniel Blake“, für die Nöte der Arbeiterklasse, Verlierer von Margaret Thatchers Politik der Deregulierung, interessiert er sich erneut – nach dem stimmigen Drehbuch seines bewährten Weggefährten Paul Laverty.

Ein Déjà-vu-Erlebnis? Ja, und dann doch nicht. Denn gab es in den früheren Produktionen des streitbaren Regisseurs neben humorvollen Einschüben final stets noch etwas Hoffnung, wird man hier eines Besseren, also Schlechteren belehrt.

Ihre guten Tage hat die Familie Turner lange hinter sich. Ein Haus haben sie einst besessen, es während der Finanzkrise 2008 verloren. Zur Miete wohnen sie nun, das Einkommen reicht hinten und vorne nicht. Das obwohl sie pausenlos schuften und darüber ihre beiden Kinder vernachlässigen. Unter enormem Druck stehen sie. Via GPS wird Ricky nonstop überwacht, mit einer Polizistin gerät er in Streit, weil er sein Fahrzeug kurz falsch abstellt und ihm dafür ein Bußgeld droht. Verstopfte Straßen machen ihm zu schaffen, falsche Adressen, die ihn ins Nirgendwo leiten, unfreundliche, schon mal gewalttätige Sendungsempfänger und Fahrstühle, die außer Betrieb sind.

All das kennt man. Die Paketzusteller, die Angestellten von Versandhändlern... Ihre Probleme sind in den Medien fast täglich Thema, so genau hat man sie aber noch nie vor Augen geführt bekommen. Das neoliberale Streben nach Gewinnmaximierung geht auf Kosten der schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Optimierung und Einsparung sind das Credo, dem sich die Wirtschaft bedingungslos verpflichtet hat. Nicht nur in England, das hier stellvertretend für Italien, Deutschland, die USA etc., steht. Auf Kosten der Gesundheit geht das, führt zu Erkrankungen, die mangels Versicherung nicht behandelt werden können.

Eine auf den Punkt gespielte dokumentarische Nabelschau, aufbereitet als Spielfilm, wie dies Michael Moore („Kapitalismus: Eine Liebesgeschichte“) mit seinen bissigen Satiren tut – nur dass es hier nichts zum Lachen gibt. Hautnah rückt Loach an seinen Protagonisten heran. Zeigt, wie er strampelt, kämpft, nur um von einer Katastrophe in die nächste zu stolpern. Dabei macht er keinen Schuldigen aus, selbst der gnadenlose Chef von Ricky ist selbst nur Angestellter, Rädchen in einem System, in dem es nur noch um Profit geht.

Ein atmosphärisch stimmig umgesetztes Drama, das seinen Titel – „Entschuldigung, dass wir sie nicht angetroffen haben“ – von dem Aufkleber bezieht, der Poststücke ziert, die nicht persönlich zugestellt werden konnten. Eine perfide, unterwürfige Entschuldigung, ein Faustschlag in die Magengrube. Wie das Werk selbst.

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