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Erinnerung an „Queen of Soul“

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„Aretha Franklin – Amazing Grace“: Filmmitschnitt eines Jahrhundertkonzerts vor 47 Jahren

Das „Rock-Lexikon“, laut Frankfurter Rundschau die „Bibel für Fans“, notiert: „Aretha Franklin singt mit mehr Personality, Autorität und Feeling als jede andere heute lebende Popmusik-Interpretin. Sie ist die ‚Lady Soul’, die ‚Soul Sister No. 1’ der farbigen Amerikaner und zugleich eine Schallplattenkünstlerin, die für ihre Erfolge auf dem weißen Musikmarkt mit Golden Records, Grammy Awards und sämtlichen anderen Auszeichnungen geehrt worden ist...“ Wenn von der 1942 in Memphis, Tennessee, geborenen Sängerin die Rede ist, werden stets Superlative bemüht.

Mutterlos wächst sie mit vier Geschwistern bei ihrem Vater Clarence L. Franklin, einem Gospel-Pfarrer, in der New Bethel Baptist Church von Detroit auf. Als Zehnjährige ist sie Vorsängerin im Kirchenchor, mit 13 spielt sie erste Spirituals ein, mit 14 zieht sie als Solistin mit Papas Gospel-Truppe durchs Land. Sechs harte Tourneejahre folgen, der erste Ausflug in den Pop bei Columbia/CBS scheitert. Sie tourt weiter – mit zweitklassigen Schlagern durch drittklassige Etablissements. Bis es dem auf schwarze Musik spezialisierten Label Atlantic 1967 gelingt, sie als „Queen of Soul“ zu etablieren.

Pollack filmt mit

Ihre erste Single „I Never Loved a Man the Way I Loved You“ wird innerhalb von zwölf Wochen zum Millionenseller, die US-Schallplatten-Akademie und Martin Luther Kings Southern Christian Leadership Conference wählen den Shooting-Star zur „Sängerin des Jahres“, die Zeitschrift „Ebony“, Zentralorgan der afroamerikanischen Community, erhebt ihren – von Otis Redding übernommenen – Hit „Respect“ zur „schwarzen Nationalhymne“. Der Rest ist (Musik-)Geschichte. Fünf Jahre später, 1972, steht Franklin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Nach 20 Studioalben inklusive elf Nummer-Eins-Hits beschließt sie, zu ihren Wurzeln zurückzukehren: In der Missionary Baptist Church in Watts, Los Angeles, gibt sie mit dem Southern California Community Choir und der Gospellegende Reverend James Cleveland ein Konzert und lässt dieses mitschneiden. Das Ergebnis „Amazing Grace“ ist bis heute das meistverkaufte Gospelalbum aller Zeiten.

Als Glücksfall kommt hinzu, dass das Konzert zudem gefilmt wurde. Warner Bros. beauftragte den noch unbekannten TV-Routinier und späteren Oscar-Preisträger Sydney Pollack („Jenseits von Afrika“) mit der Regie. Doch das Unterfangen stand unter keinem guten Stern. Die Bild- und Tonaufnahmen waren nicht synchron, zu den technischen Schwierigkeiten gesellten sich juristische. Und dann verbot Franklin aus nie ganz geklärten Gründen die Aufführung. 47 Jahre sollte es dauern, bis „Aretha Franklin: Amazing Grace“ erstmals gezeigt werden konnte – unter anderem außer Konkurrenz im Wettbewerb der 69. Berlinale.

Pure Energie

Umso mehr darf man sich jetzt über diesen Konzertmeilenstein freuen. Unvergessliche Songs wie „How I Got Over“, „Precious Memories“ und eine elfminütige Interpretation von „Amazing Grace“ sind zu hören, pure Energie im Zuge eines mitreißenden Gottesdienstes, der zugleich als faszinierendes Zeitdokument besticht. 2007, ein Jahr vor seinem Tod, hat Pollack das Material an den Filmemacher Alan Elliott weitergegeben, der die zweitägigen Aufnahmen auf 87 Minuten zusammenmontiert hat.

Gekonnt fängt er die Grundstimmung des Jahrhundertauftritts ein. Man fühlt sich als Zuschauer mittendrin. Wild gestikulierend gibt Pollock Regieanweisungen, die Kameramänner müssen ob der von ihm geforderten schnellen Wechsel die Schärfe immer wieder nachziehen. Zwischenrufe sind zu hören, Zuschauer in ekstatischer Verzückung zu sehen. Der Reverend besorgt die Ansagen und weint zwischendurch ins Taschentuch. Und als Krönung: Aretha. Bescheiden, ruhig, stimmlich brillant – artig bedankt sie sich zum Schluss. Sonst sagt sie nichts. Sie lässt ihre Musik für sich sprechen. Ein besseres Denkmal hätte sich die im August 2018 verstorbene Soul-Ikone nicht setzen können.

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