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„The Man Who Killed Don Quixote“: Terry Gilliam ist seine Miguel-de-Cervantes-Adaption doch noch geglückt

Zehn Jahre seines Lebens hatte Terry Gilliam bereits in den Traum investiert, eine Verfilmung des Don-Quixote-Stoffes auf die Leinwand zu bringen. Dann, im September 2000, war es endlich so weit. Es war ihm gelungen, sich das Produktionsbudget in Höhe von 32 Millionen Dollar ausschließlich mit Hilfe europäischer Financiers zu sichern. So wollte er frei von den Zwängen Hollywoods Regie führen, als Autor nur seinem Werk verpflichtet. Acht Wochen vor Drehbeginn stießen Keith Fulton und Louis Pepe zum Team, als Verantwortliche des „Making of...“, schon damals ein unverzichtbarer Bestandteil in Sachen Marketing.

Doch es kam anders– zu sehen in ihrem Dokumentarfilm „Lost in La Mancha“. Die beiden wurden Zeugen immer größer werdender Probleme. Die Sprachschwierigkeiten der paneuropäischen Crew erschwerten zügiges Filmen, die Disposition der Schauspieler, unter ihnen Johnny Depp, erwies sich als äußerst kompliziert, und dann zog sich Hauptdarsteller Jean Rochefort einen Bandscheibenvorfall zu, was ihn hinderte, ein Pferd zu besteigen. Eine Katastrophe, nur getoppt von dem Umstand, dass kurz nach Drehbeginn ein gewaltiges Unwetter das Set komplett unter Wasser stellte.

Fortan wurde nur noch um Geld und Rechte gestritten. Jahre lang. Das Projekt schien gestorben. Nicht für Gilliam. Der Kultregisseur von verqueren Produktionen wie „Brazil“ oder „12 Monkeys“ dachte nicht daran aufzugeben, er wollte seine Version des Cervantes-Klassikers unbedingt verwirklichen: „Wir haben so lange an dem Projekt gearbeitet, dass uns die Idee, diesen ‚geheimen’ Film tatsächlich fertig zu bekommen, am Ende ziemlich surreal erschien. Jeder vernünftige Mensch hätte vor Jahren aufgegeben, aber manchmal gewinnt am Ende der eigensinnige Träumer.“ Sprich: Was lange währt, wird endlich gut!

Als Film-in-Film hat er den Stoff aufbereitet, als Genre- und Stilmix. Der Werbefilmer Toby (Adam Driver) lernt einen spanischen Schuster (Jonathan Pryce) kennen, der sich für Don Quixote hält. Die beiden erleben eine Reihe absurder Abenteuer, in deren Verlauf sich der Regisseur den tragischen Auswirkungen eines Films stellen muss, den er als Student drehte – eine experimentelle Arbeit, die das Leben in einem iberischen Dorf nachhaltig verändert hat. Der Beginn einer Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst, mit dem zynischen Toby als modernem Sancho Panza, der schon mal statt eines Maultiers ein Motorrad sattelt...

Als Reflexion über sein eigenes Schaffen – mit allen Höhen und Tiefen – muss man dieses Herzensprojekt lesen. In Sachen Inszenierung zeigt Gilliam sich auf der Höhe seiner Kunst, weiß auf den unterschiedlichen Erzählebenen kurzweilig zu unterhalten – ob in Sachen Look oder Schauwerte, unterstützt von namhaften Mimen wie Olga Kurylenko („Ein Quantum Trost“), Stellan Skarsgård („Der Medicus“), Jordi Mollà („Criminal“) oder Sergi Lopez („Pans Labyrinth“). Dabei ist er an einer stringenten, klassischen Story – das Drehbuch hat er gemeinsam mit Tony Grisoni („Yorkshire Killer“-Trilogie) verfasst –wenig interessiert, vielmehr lässt er die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen.

Als Ex-Mitglied der legendären Komiker-Gruppe „Monty Python“ driftet er wie gewohnt in surreal-versponnene Welten ab, interessiert sich eher dafür wie ein Film entsteht als worum es geht. Anarchie pur, obwohl der Ritter von der traurigen Gestalt auch hier gegen Windmühlen kämpft und alles daran setzt, seine Angebetete zu befreien. Ein Werk wie aus einer anderen Zeit, dabei nie altmodisch oder anbiedernd. Der Film eines Mannes, der vielleicht nicht mehr in die heutige Zeit passt, aber dennoch unverdrossen um seine Vision kämpft. Terry Gilliam ist ein moderner Don Quixote des Kinos. Das ist gut so.