Kino

Gangster im Operationssaal

Archivartikel

„Hotel Artemis“: Jodie Foster leitet in dem Thriller eine geheime Klinik für Kriminelle im Los Angeles des Jahres 2028

Vergleiche zu den beiden „John Wick“-Abenteuern wurden gezogen, als Anfang Juni „Hotel Artemis“ in den USA anlief. Der Grund liegt auf der Hand, dort wie hier gibt es einen Ort, wohin sich Gangster zurückziehen können, unbehelligt von der Polizei beziehungsweise von konkurrierenden Ganoven.

Das Hotel Continental war es bei den bleihaltigen Actionern von Chad Stahelski, Keanu Reeves durfte in der Luxusherberge entspannen, ohne gleich um sein Leben fürchten zu müssen. Ähnliches gilt auch für die Herrschaften, die die titelgebende Unterkunft von Spielfilmdebütant Drew Pearce, Drehbuchautor von „Iron Man 3“, aufsuchen.

Zuflucht für Bankräuber

Mit dem Unterschied, dass es sich hier um ein geheimes (Nobel-)Krankenhaus handelt, betuchten Mitgliedern vorbehalten, die regelmäßig ihre Beträge einzahlen. So wie der Bankräuber Waikiki (Sterling K. Brown), der sich mit seinem schwer verletzten Bruder hierher flüchtet. Das Chaos in den Straßen von Los Angeles des Jahres 2028 hat er für seinen Coup nutzen wollen, der Plan ist nicht aufgegangen, die Gang ins Kreuzfeuer der Polizei geraten. Nun gilt es abzutauchen, sich schnell in Sicherheit zu bringen und die Schusswunden behandeln zu lassen. Von der „Schwester“ (Jodie Foster), ihres Zeichens eine hoch spezialisierte Fachkraft: „Wir sind hier in Amerika. 85 Prozent von dem, was ich verarzte, sind Schusswunden“.

Regisseur als Autor

Eine originelle Prämisse, vom Regisseur ersonnen, der zudem das Drehbuch verfasst hat. Ein Fan des Film noir ist er ganz offensichtlich, ob in Sachen Bildsprache – wenig Licht, viel Schatten, dunkle, gedeckte Farben – oder Figuren. Eher Typen als durchgezeichnete Charaktere sind sie.

Zum Personal, das die Waffenstillstandszone bevölkert, gehören unter anderem der Assistent der Medizinerin, ein Berg von einem Mann, der entsprechend Everest (Wrestling-Champion: Dave Bautista) heißt, eine attraktive, agile Auftragsmörderin (Sofia Boutella), ein nerviger, dauerquasselnder Waffenhändler (Charlie Day) und ein sonnenbebrillter Oberschurke – nomen est omen: Wolf King (Jeff Goldblum). Eine gute Stunde umkreisen sich die verschiedenen Parteien und Personen. Die jeweils verfolgten Ziele bleiben diffus, ehe dann wie zu erwarten die Gewalt explodiert. Messer werden gezückt, schwere Handfeuerwaffen reißen Löcher in Leiber und Mobiliar. Das erlesene Inventar geht zu Bruch. Viel Stilwillen zeichnet dieses atmosphärische Kammerspiel aus, das sich nicht entscheiden mag, wovon eigentlich erzählt werden soll. Crime-, Science-Fiction-, Comic- und Drama-Elemente werden miteinander vermengt. Das ist spannend anzusehen, lässt einen aber eher kalt, weil man nicht wirklich weiß, auf welche Seite man sich schlagen und für wen man Sympathie aufbringen soll.

Aller Ehren wert

Das ist schade, denn an den solide agierenden Schauspielern gibt es nichts auszusetzen. Die stets überzeugende Foster, seit „Elysium“ (2013) wieder auf der Leinwand zu sehen, brilliert mit Mut zur Hässlichkeit als störrische, ihrem Job bedingungslos verpflichtete Ärztin, Boutella („Atomic Blonde“) ist wie ihr Rollenname als Flic-Flac-schlagende Kampfmaschine „Nice“, und Bautista sorgt für die (üblichen) Humoreinlagen: „Hey, stellst du zu Hause auch deine dreckigen Schuhe aufs Sofa?“ Ein kurioser, verquerer Genrebastard, bei dem der Filmemacher ausgetretene Filmpfade mutig verlässt – das ist aller Ehren wert.