Kino

Gegen den Alltags-Chauvinismus

Archivartikel

„The Marvelous Mrs. Maisel“: Amazon Primes Eigenproduktion überzeugt auch in der zweiten Staffel

Nur weil die ganz großen Diskussionen etwas abgeflaut sind, heißt das noch lange nicht, dass alles gut ist. Als Amazon im vergangenen Jahr die erste Staffel der Eigenproduktion „The Marvelous Mrs. Maisel“ veröffentlichte, traf die Serie mitten rein in die große #MeToo-Debatte. Sexismus, das von Männern dominierte Showbiz, die Frage, wann eine Frau eine Frau ist. Die bonbonfarbene Serie über eine New Yorker Hausfrau, die als eine der ersten Komikerinnen die Stand-up-Szene der 1950er-Jahre aufmischt, beschäftigte sich ziemlich kritisch mit diesen Themen.

Mehrfach ausgezeichnet

Sie machte es dem Publikum aber mit umwerfendem Charme, hintergründigem Humor und makelloser Ausstattung leicht, die bitteren Pillen zu schlucken. Das ändert sich auch in den zehn Episoden der zweiten Staffel nicht, die bei Prime Video in der Originalfassung und der Englisch-mit-Untertiteln-Version verfügbar ist. Die deutsche Synchronfassung soll zeitnah folgen. „Mrs. Maisel“ traf nicht nur den Nerv der Zeit und des Publikums, sondern räumte auch bei den wichtigsten Preisverleihungen ab. Die Serie gewann unter anderem acht Emmys und zwei Golden Globes. Klar, dass die Erwartungen an die zweite Staffel hoch sind. Aber was soll man sagen? Sie werden erfüllt. Mindestens.

Das liegt nicht nur an der umwerfenden Hauptdarstellerin Rachel Brosnahan und nicht minder großartigen Nebendarstellern wie Tony Shalhoub, Alex Borstein oder Marin Hinkle.

Das liegt vor allem daran, dass Serien-Schöpferin Amy Sherman-Palladino („Gilmore Girls“) nach dem furiosen Finale der ersten Staffel, in der Midge (Brosnahan) zum ersten Mal mit ihrem richtigen Namen auftrat, das Tempo rausnimmt.

Nach ihrem großen Auftritt ist Midge nämlich mitnichten auf großen Bühnen unterwegs oder ein Superstar der Comedy-Szene. Wir sind immer noch in den 1950er Jahren, einer Zeit, in der Ruhm nicht über Nacht erklickt wird, vor allem aber einer Zeit, in der Frauen nicht mal eben so eine Männerdomäne umkrempeln können.

Midge landet also erstmal im Kaufhauskeller: Sie wurde von ihrem Arbeitgeber vom Kosmetiktresen zu den Telefonistinnen strafversetzt. Was sie allerdings erstens nicht stört, weil sie auch beim Strippenziehen recht perfekt ist, und was zweitens ziemlich clever für die Entwicklung der Story ist: Der Ruhm nimmt ein paar Umwege; das ist nicht nur realistisch, sondern auch eine gute Gelegenheit, sich intensiv mit den Figuren zu beschäftigen.

Mit neuen Figuren

Weiterhin darauf bedacht, tagsüber die perfekte Mutter und Frau in der Upper Class zu sein, hält Midge ihre Erfolge auf der Bühne geheim. Kollegen und Eltern dürfen davon nichts wissen. Die Zeit ist noch nicht reif für eine Comedy-Perle. Außerdem muss sie erstmal nach Paris, um ein Problem ihrer Eltern Abe (Shalhoub) und Rose (Hinkle) zu lösen, ihr Ex-Partner Joel (Michael Zegen) will keine Witzfigur sein, ihre Managerin Susie (Borstein) muss ihre Misanthropie ablegen – und dann tauchen auch noch neue Figuren auf, die das Leben auch nicht einfacher machen.

So ziemlich jeder darf hier an sich arbeiten, Verantwortung übernehmen, kommunikative Fähigkeiten entwickeln, ehrlicher werden. Was auch die zweite Staffel von „The Marvelous Mrs. Maisel“ so gut macht: Die Serie nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Zeiten mögen sich seit den 1950er Jahren geändert haben, Alltags-Chauvinismus ist freilich immer noch salonfähig. Das ist die Wahrheit, die in Midges pointierte Stand-up-Szenen und in den perfekten Kostümen und Kulissen der Serie steckt.