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Harte Männer macht das Land

Archivartikel

„Wind River“: Taylor Sheridan interessiert sich in seiner Independent-Produktion für die Vergessenen der US-Gesellschaft

„Ich jage Raubtiere“, antwortet Cory Lambert (Jeremy Renner), der für den U.S. Fish and Wildlife Service im Naturschutz arbeitet, als ihn die FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) nach seinem Beruf fragt. „Dann helfen sie mir doch“ antwortet sie. Eine junge Frau ist erfroren im Schnee vorgefunden worden, barfuß. Vor ihrer Flucht durch die eisige Kälte ist sie misshandelt und vergewaltigt worden. Der Schauplatz von „Wind River“ ist das gleichnamige Indianerreservat in einem entlegenen Teil Wyomings, rund viermal so groß wie das Stadtgebiet von Berlin. Lediglich sechs Polizisten tun hier Dienst.

Ein Neo-Western. Eine Independent-Produktion, die sich Hollywood strikt – und wohltuend konsequent – verweigert. Taylor Sheridan hat in Cannes dieses Jahr den Regiepreis gewonnen, einen Namen hat er sich als Autor der Thriller „Sicario“ und „Hell or High Water“ gemacht. Menschen in Extremsituationen interessieren ihn, Menschen, die abseits der großen Städte leben, im Einklang mit der Natur, die ihnen schwer zu schaffen macht. Ein Americana, angesiedelt in einer majestätischen, jedoch überaus feindlichen Landschaft. Es gibt kaum Arbeit. Die medizinische Versorgung ist schlecht. Die Jugend will weg oder flüchtet sich in Drogen. Über die Bewohner weiß der stoische Lambert: „Dieser Schnee und die Stille, das ist das Einzige, was man ihnen nicht weggenommen hat.“

Er, ein moderner Trapper, ist der richtige Mann für den Job. Stammt selbst aus der Gegend, kennt die Leute, die hier wohnen. Im Gegensatz zur unerfahrenen Bundesbeamtin, die man aus dem fernen Las Vegas eingeflogen hat und nicht einmal über die richtige Kleidung verfügt: „Habt ihr nicht mitbekommen, dass Frühling ist?“. Aber sie erweist sich als durchaus hart im Nehmen. Schwingt sich aus dem Sozius des Schneemobils, mit dem Lambert sich stets mit Höchstgeschwindigkeit fortbewegt. Nicht weil er angeben will, sondern um nicht in einer Schneewehe stecken zu bleiben. Ein Profi, ein Einzelgänger, ein klassischer US-Held, der seine Aufgaben erledigt bekommt – und ein eigenes Trauma bewältigen muss.

Dem Vater des toten Teenagers verspricht er, den Schuldigen zu finden. Unterstützt wird er vom örtlichen Polizeichef, einem alten Kumpel, gewohnt lakonisch gespielt vom großartigen Graham Greene („Der mit dem Wolf tanzt“). „Hier ist nicht das Land der Verstärkung Jane“, erklärt er, „hier ist das Land, wo man auf sich selbst gestellt ist.“ Und so wird das Repetiergewehr durchgeladen und mit der Schneeschippe zugeschlagen. Hemdsärmelig. Zielstrebig. Gefangene werden keine gemacht. Das klingt nach Action. Die gibt es auch. Sorgfältig dosiert. Klug eingesetzt – aber dann mit Vehemenz.

Bild der heutigen USA

Die Suche nach dem Täter ist dabei von untergeordnetem Interesse. Recht bald wird trotz einiger falschen Fährten klar, dass die Mitarbeiter einer ansässigen Ölbohrgesellschaft in den Fall verwickelt sind. Man schleicht sich an deren Lager an. Umzingelt es. Ein paar Worte werden gewechselt. Dann explodiert die Gewalt. Ein von Ben Richardson („Beasts of the Southern Wild“) grandios fotografiertes Überlebensdrama im Gewande eines Kriminalfilms. Ein Zeitbild der heutigen USA mit präzise gezeichneten Charakteren. Es geht um die Vergessenen der Wohlstandsgesellschaft; an einem Holzfeuer wärmen sich ein paar trinkende Männer, über ihnen flattert die verkehrt aufgehängte Nationalflagge –das kennt man aus der Zeit, als die Jugend gegen den Vietnamkrieg protestierte.