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„Ich hielt Depeche Mode für eine Teenie-Band“

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„Spirits In The Forest“: Interview mit Star-Fotograf und Regisseur Anton Corbijn über seinen in der Berliner Waldbühne gedrehten Film

Ein klassischer Konzertfilm ist „Spirits In The Forest“ nicht. Vielmehr verwebt Regisseur Anton Corbijn packende Nahaufnahmen des finalen Konzerts von Depeche Modes „Spirit“-Tour aus dem Juli 2018 in der Berliner Waldbühne mit sehr persönlichen Portraits von sechs Superfans aus aller Welt – von der Mongolei bis Kolumbien. Entstanden ist ein wirklich intimes Werk, das dem Zuschauer die kraftvolle und teils gar heilende Wirkung der Musik von Depeche Mode vor Augen führt. Diese Zeitung hat mit dem niederländischen Fotografen und Filmemacher Anton Corbijn (64), der seit über dreißig Jahren mit Depeche Mode zusammenarbeitet, über den Film gesprochen.

Herr Corbijn, wie haben Sie die sechs Charaktere, die unter anderem aus Bukarest, Bogota und Ulan Bator stammen, gefunden?

Anton Corbijn: Als Depeche Mode vor zweieinhalb Jahren ihre „Spirit“-Tour begannen, luden sie Fans ein, für einen Tag ihre Facebook-Seite zu betreuen. Man konnte sich bei der Band bewerben und schreiben, warum man das gerne machen wollte. Also bekam die Band tausende Geschichten von Menschen aus aller Welt und saß plötzlich auf diesem Riesenarchiv von Leuten und ihren Erlebnissen. Die haben wir uns angeschaut und versucht, sechs in Herkunft, Kultur und Geschichten möglichst unterschiedliche Fans herauszufiltern. So kamen wir auf diese Menschen, und alle sechs waren sofort bereit, mitzumachen.

Darunter ein Mädchen aus der Mongolei. Waren Sie überrascht, wie weit die Magie der Band reicht?

Corbijn: Ja, klar. Das ist schon sehr wunderbar und zeigt uns, was für ein Phänomen Depeche Mode tatsächlich ist. Diese Jungs zählen zu den größten Bands des Planeten. Depeche Mode gilt ja einerseits noch immer in weiten Kreisen als Kultband, aber die sind seit vielen, vielen Jahren riesengroß und spielen in denselben Stadien wie etwa U2. In Deutschland weiß man das vielleicht, in anderen Regionen hingegen laufen sie als stille Weltstars noch immer etwas unter dem Radar.

Sie fotografieren Depeche Mode seit Jahrzehnten, das erste Video der Band, das Sie gedreht haben, war 1986 zu „A Question Of Time“. Wie schätzen Sie die Band ein?

Corbijn: Am Anfang mochte ich die Musik gar nicht so sehr, ich dachte, Depeche Mode sei eine Teenie-Band (lacht). Als ich das Video drehte, änderte sich meine Einstellung. Ich stellte fest, dass meine visuellen Ideen und deren Musik sich sehr gut ergänzten. Und so wurde unser Verhältnis immer enger, später war ich nicht nur für die Videos zuständig, sondern auch für die Konzertfilme, die Albumbooklets und das gesamte Bühnendesign. Es hat einfach immer funktioniert zwischen uns. Vielleicht war mein anfängliches Zögern, mit Depeche Mode zu arbeiten im Nachhinein genau das richtige.

Wie nah stehen Sie sich?

Corbijn: Wir haben nie miteinander geschlafen (lacht). Ansonsten aber kennt man sich schon sehr gut. Wir sind auf einer Arbeitsebene ineinander verliebt, würde ich sagen.

Inwiefern ergänzen sich Ihre Kunst und jene von Depeche Mode?

Corbijn: Ich will behaupten, dass der Look von Depeche Mode in den frühen Jahren ziemlich albern war. Ich denke, ich habe ihnen ein bisschen Tiefe gegeben. Ich habe, vor allem durch unsere gemeinsamen Musikvideos, der Band geholfen, ihre wahre Identität herauszuarbeiten und ihre Musik mit ihrem Erscheinungsbild zu synchronisieren.

Sie haben die Konzertaufnahmen vorwiegend aus der Perspektive der Band gefilmt. Weshalb?

Corbijn: Ich wollte einen dynamischen Film voller Bewegung machen, weniger stylisch als „Depeche Mode: Live In Berlin“, den ich 2014 in der Berliner O2-Arena gedreht hatte. Sondern mehr so, als wenn jemand mit einer Super-8-Kamera auf der Bühne herumläuft. Der Effekt ist, dass du wirklich nah dran bist an der Band und emotional sehr verbunden bist, mit dem, was auf der Bühne vor sich geht. Das Ganze wirkt ein bisschen Retro und sieht nach den 1990ern aus.

Eventartige Konzertfilme wie „Spirits In The Forest“, die nur für einige Tage im Kino laufen, boomen aktuell. Womit hängt das zusammen?

Corbijn: Der Markt hat sich verändert. Die Leute kaufen kaum noch DVDs. Für Bands ist es also lukrativ und aus Kostengründen sinnvoll, solche Filme ins Kino zu bringen. Zumal das gemeinsame Erlebnis im Kino dem echten Konzert schon ganz schön nahe kommt. Man fühlt sich mehr als ein Teil der Show, als wenn man sich den Film zuhause auf dem Sofa anguckt.

Heute kann jeder seinen persönlichen Konzertfilm auf dem Handy aufnehmen, das Internet ist voll von Amateur-Mitschnitten. Wie beeinflusst diese Entwicklung Ihre Arbeit als Künstler?

Corbijn: Es ist wahr, viele Menschen akzeptieren heute praktisch jede Form von Bildern und Aufnahmen, die Qualität scheint kein wichtiges Kriterium mehr zu sein. Auf einem kleinen Bildschirm kann man sich das auch durchaus angucken. Aber ich liebe nach wie vor Qualität und wertige Arbeit. Ein auf dem Smartphone mitgeschnittenes Konzert ist ganz sicher nichts, wofür du freiwillig ins Kino gehen würdest.

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