Kino

Intelligenter Taschentuchalarm

Archivartikel

„Wunder“: Regisseur Stephen Chbosky hat den gleichnamigen Bestseller von R. J. Palacio verfilmt

„Ich heiße Auggie Pullman. Nächste Woche komme ich in die fünfte Klasse. Und da ich noch nie auf einer richtigen Schule war, habe ich mordsmäßig Angst davor. (...) Ich weiß, dass ich kein gewöhnlicher Zehnjähriger bin. Ich habe 27 Operationen hinter mir. Durch sie kann ich wieder atmen, sehen und ohne Hörgerät hören. Aber keiner hat mir geholfen, so auszusehen wie andere Kinder...“

Der Junge leidet wie einst David Lynchs „Elefantenmensch“ am Treacher-Collins-Syndrom, sieht zwar nicht ganz so furchterregend aus wie dieser, versteckt sein Gesicht aber dennoch gerne unter einem NASA-Raumfahrerhelm. Diesen muss er aber nun abnehmen, haben seine Eltern doch beschlossen, ihn ganz normal einzuschulen.

Ein Stück Normalität

Um Integration und Ausgrenzung geht es in „Wunder“ einmal mehr, basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von R. J. Palacio. Die Publikumslieblinge Julia Roberts („Erin Brockovich“) und Owen Wilson („Die Royal Tenenbaums“) sind in die Rollen der liebevollen, sympathischen Erzeuger geschlüpft, ihren tapferen kleinen Sohn spielt der elfjährige Jacob Tremblay, der bereits in „Raum“ und zuletzt in „The Book of Henry“ überzeugte. Die Zeichen stehen von Beginn an auf Wohlfühlfilm, Political Correctness ist angesagt und das Happy End steht außer Frage. Klassischer Hollywood-Herzschmerz also? Nein, überraschender Weise nicht.

Zumindest nicht ganz. Denn Regisseur Stephen Chbosky, der sein Gespür für die Probleme Heranwachsender bereits bei „Vielleicht lieber morgen“ unter Beweis gestellt hat, nähert sich dem ebenso schwierigen wie heiklen Thema durchaus differenziert.

So ist August zunächst einmal dem gnaden- und gedankenlosen Spott seiner Mitschüler ausgesetzt. Niemand will sich in der Cafeteria neben ihn setzen. Todtraurig macht ihn das, ausgegrenzt fühlt er sich. „Du bist nicht hässlich!“, beteuert die Mama. „Das sagst du nur, weil du meine Mom bist“, kontert der weinende Bub. Doch er gibt trotz aller Rückschläge glücklicherweise nicht auf, gewinnt dank seiner freundlichen, pfiffigen Art schließlich Freunde und wird in die (Schul-)Gemeinschaft integriert. Derweilen leidet die ältere Schwester darunter, dass sie in der Familie naturgemäß etwas vernachlässigt wird, während die aufgeschlossenen Erwachsenen erkennen müssen, wie schwer sich die Gesellschaft mit Toleranz und Aufgeschlossenheit tut. Spaß und Ernst halten sich die Waage, fast jeder heiteren Szene folgt ein Tiefschlag.

Steigende Sentimentalität

Insgesamt stehen die Zeichen jedoch auf Traumfabrik. Alle Hürden werden letztendlich genommen, immer feuchter dürften im Verlauf der Handlung die Taschentücher der Zuschauer werden. Schön, hell und klar sind die Bilder von Kameramann Don Burgess („Genauso anders wie ich“), gediegen ist das Oberklasseambiente, wirtschaftliche Sorgen muss man sich keine machen, intellektuell bewegt man sich weit über Trump-Niveau.

So wird der Film mit zunehmender Spieldauer immer sentimentaler, sich ihm jedoch vollkommen zu entziehen, zunehmend schwerer.

Was einfach mit der ungeheuren Präsenz des kleinen Hauptdarstellers zu tun hat, mit Roberts’ ungebrochener Strahlkraft – nicht umsonst ist sie immer noch ein Top-Star –und Wilsons ewigem Optimismus.

Fast zur Schnulze gerät das Werk final – aber ist man ehrlich, muss man gestehen, es sich doch gerne angesehen zu haben.