Kino

Jammern auf hohem Niveau

Archivartikel

„Zwischen den Zeilen“: Olivier Assayas untersucht die Befindlichkeiten von Pariser Intellektuellen

Wie seine renommierten Kollegen – etwa François Truffaut, Jean-Luc Godard oder Claude Chabrol – begann Olivier Assayas, Jahrgang 1955, seine Karriere als Autor der Filmzeitschrift „Cahiers du cinéma“. Besonders interessierte ihn das asiatische Kino, was sich 1996 in der Hommage „Irma Vep“ und im Jahr darauf im Porträt des taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-hsien niederschlug. Nach ein paar Kurzfilmen verfasste er Drehbücher, mehrfach für André Téchiné („Rendez-vous“), ehe er 1986 seinen Leinwanderstling „Lebenswut“ inszenierte.

Elitäre Kopfmenschen

Heute gehört er, versierter Grenzgänger zwischen Autoren- und Genre-Kino, zu den Vorzeige-Filmschaffenden Frankreichs. Auf Filmschauen weltweit ist er ein gerne gesehener Gast – das Internationale Filmfestival Mannheim-Heidelberg hat ihn beispielsweise schon als „Master of Cinema“ gefeiert – mit Werken wie „Carlos – Der Schakal“, „Die Wolken von Sils Maria“ oder „Personal Shopper“ hat er für heftige Diskussionen und (meist) gute Kritiken gesorgt.

Etwas verhaltener wurde vergangenen Herbst auf den Filmfestspielen von Venedig „Zwischen den Zeilen“ aufgenommen, sein aktueller, konventionell gehaltener Beziehungsspaß.

„Doubles vies“, „Doppelleben“, heißt er im Original, der deutsche Titel trifft in diesem Fall jedoch auch zu. Im Pariser Literaturbetrieb ist er verortet, um Kommunikation geht es, zudem ums Internet und wie dieses unsere Welt verändert – ein Sujet, das den Filmemacher schon seit „Demonlover.com“ (2002) umtreibt. Pariser Intellektuelle sind die Protagonisten, elitäre Kopfmenschen, die einander regelmäßig in die Haare geraten.

Unter ihnen Léonard (Vincent Macaigne), ein Schriftsteller, der in seinen Romanen recht unverhohlen vergangene Liebschaften verarbeitet. Sein Verleger Alain (Guillaume Canet) ist von dessen letztem Manuskript wenig angetan, will es nicht publizieren. Vielleicht weil er im Augenblick mehr mit der Digitalisierung seines Unternehmens beschäftigt ist – besser gesagt mit der attraktiven jungen Mitarbeiterin Laure (Christa Théret), die hierfür federführend zuständig ist.

Alains Frau, die Schauspielerin Selena (Juliette Binoche), die darunter leidet, dass sie ausgerechnet als Polizistin einer Kriminalserie populär geworden ist, findet am Text jedoch Gefallen. Möglicherweise weil sie seit Jahren ein Verhältnis mit Léonard unterhält, dessen Ehe mit Valérie (Nora Hamzawi) zur Routine verkommen ist. Ein prototypischer Liebesreigen à la française, Essen, viel Wein, noch mehr Worte und zwischendurch amouröse Einlagen. Spontan und ohne klares Ziel hat Assayas nach eigener Aussage das episodische Skript verfasst, das verleiht der Handlung Authentizität, geht aber zu Lasten einer echten Geschichte.

Elegant gesetzte Pointen

Man fühlt sich ein wenig, als würde man einer – zugegebenermaßen sehr versierten – Improvisationstheatertruppe dabei zusehen, wie sie Themenkreise erforscht und aufzuarbeiten versucht: Wahrheit und Lüge, Lust und Liebe, Dichtung und Wahrheit oder kultureller Wandel. Das funktioniert, dank des soliden Spiels des Ensembles und der elegant gesetzten Pointen, recht gut, ermüdet jedoch auf Dauer. Weil einen die vermeintlichen Probleme der wohl gestellten Protagonisten nicht wirklich interessieren.

Dennoch bekommt man ein treffliches Sittenbild geboten, in dem das (Doppel-)Leben der (Anti-)Helden offengelegt und gezeigt wird, wie vieles doch gleich bleibt, selbst wenn oft von Veränderungen die Rede ist. Nicht zu vergessen die nette Volte, dass analog, auf grobkörnigem Super-16mm-Material gedreht wurde.