Kino

Klassenzimmer als Spiegel des Lebens

„Die Grundschullehrerin“: Die französische Regisseurin und Autorin Hélène Angel inszeniert eine ergreifende Geschichte

„Die Grundschullehrerin“ heißt Florence (Sara Forestier) und ist eine geschiedene Mittdreißigerin, die mit ihrem 10-jährigen Sohn und Schüler Denis (Alain Cousi) direkt im Schulgebäude wohnt. Sie ist eine Pädagogin, wie sie jeder wohl gern selbst gehabt hätte.

Eine, die ihre multiethnischen Kids voller Leidenschaft und Mitgefühl unterrichtet. In ihren Stunden darf auch mal geblödelt werden. Schließlich lässt sich auch mit dem Wort „Scheiße“ exzellent Grammatik vermitteln. Sohn Denis leidet unter der Begeisterung seiner Mutter für ihren Beruf, die selbst nach Feierabend nicht abebbt. Außerdem fühlt er sich benachteiligt. Als ihm sein Vater anbietet, ein Jahr zu ihm nach Java zu kommen, ist er begeistert. Für Florence bricht freilich eine Welt zusammen. Und auch im Klassenzimmer ziehen dunkle Wolken auf.

Vernachlässigter Junge

Eines Tages steht der Junge Sacha (Ghillas Bendjoudi) vor der Tür. Er kann nicht am Sportunterricht seiner Klasse teilnehmen und soll ersatzweise Florences Lektionen lauschen. Schnell wird klar, dass Sacha vernachlässigt wird. Seine Klamotten stinken zum Himmel und unter seinen Nägeln sammelt sich der Dreck. Die anderen Kinder, Denis allen vorweg, grenzen den Jungen aus, bis er beim Mittagessen völlig ausflippt. Tatsächlich hat sich Sachas Mutter schon zehn Tage nicht zu Hause blicken lassen. Immer wieder gibt sie ihm Geld und verschwindet.

Der als Notfallkontakt angegebene Sushi-Bote Mathieu (Vincent Elbaz) weiß von nichts. Er erweist sich als Ex der Mutter und als vertrauenswürdiger Zeitgenosse. Mathieu, nicht der Hellste, aber immerhin Aspirant auf den „Iron Man“, kümmert sich um den Jungen.

Allerdings zwingt ihn sein Job dazu, Sacha gelegentlich bei Florence zu parken. Klar, dass sich alle Beteiligten menschlich näher kommen.

Hélène Angels vierter Spielfilm ist lebensnah, manchmal ein wenig didaktisch und am Ende zum Heulen ergreifend. Die wunderbare Sara Forestier zieht in der Titelrolle alle Sympathien auf sich. Auf den Berufsstand des Lehrers im Allgemeinen singt der Film allerdings kein Hohelied, eher schürt er die vielen Vorurteile gegenüber Pädagogen.

Die Botschaft wird nicht allzu dezent verpackt, ist aber wertvoll: Jeder Mensch sollte der Held in seiner eigenen Geschichte sein. Auf diese Grundschullehrerin trifft das zweifelsohne zu. Setzen, Eins Minus.