Kino

Geburtstag Die vielfach preisgekrönte Regisseurin Agnès Varda feiert morgen ihren 90. Geburtstag / Interesse für arme und einsame Figuren

Kleine Königin am Rande des Kinos

Archivartikel

Goldener Löwe, Ehren-César, Ehrenleopard, Palme d’honneur: Agnès Varda ist in ihrer über 60-jährigen Karriere mit Ehrungen und Auszeichnungen überhäuft worden. Zu Kopf gestiegen ist ihr jedoch keine der Trophäen, auch nicht der Ehren-Oscar vor wenigen Monaten. Sie sei eine kleine Königin am Rande des Kinos, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Die Ehren-Oscars bekämen Leute, die keine Hollywood-Stars seien. Dass man sie jedoch wahrgenommen habe, habe sie sehr berührt.

Es ist schwer, die französische Filmemacherin und Installationskünstlerin, die morgen 90 Jahre alt wird, nicht zur Kenntnis zu nehmen, vor allem in letzter Zeit. Seit ihrem Film „Augenblicke: Gesichter einer Reise“, den sie mit dem Streetart-Künstler JR gedreht hat, ist ihr Name in aller Munde.

Filmpionierin der 1960er Jahre

Die Doku, die 2017 in Cannes Premiere feierte, erhielt weltweit zahlreiche Preise und wurde 2018 auch für einen Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert. Nun kommt der Film einen Tag nach ihrem Geburtstag, am 31. Mai, in die deutschen Kinos. Für den Film ist Varda zusammen mit JR in einem Fotomobil durch das ländliche Frankreich gereist. Dabei sind sie Fabrikarbeitern und Bauern begegnet, deren Porträts sie auf Fassaden und Schiffscontainern anbrachten. Wie sie sich den großen Erfolg des Films erklärt? Der Film funktioniere, weil die Leute daran mitwirken, wie Varda erklärte. „Sie erzählen uns ihre Geschichten und werden dadurch zu Akteuren.“

Die Regie-Ikone mit der helmartigen Pagenfrisur hat sich schon immer für einfache und am Rande der Gesellschaft lebende Menschen interessiert. Sie lerne sehr viel von ihnen, sagte sie.

So erzählt „Vogelfrei“ (Originaltitel: „Sans toit ni loi“) die Geschichte einer Frau, die als Landstreicherin durch Südfrankreich zieht und den Kältetod stirbt. Für den Film wurde Varda 1985 als erste Frau in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Varda gilt als Pionierin des Autorenkinos und als „Großmutter der Nouvelle Vague“, jener Bewegung, die in den 1960er Jahren gegen das herkömmliche Erzählkino Sturm lief. Bis heute gehört sie mit ihren Werken, die zwischen Wirklichkeit, Fiktion und Poesie schwanken, zu den eigenwilligen Cineasten unserer Zeit.

Die Tochter eines Griechen und einer Französin wurde in Brüssel geboren, flüchtete jedoch während des Zweiten Weltkriegs mit ihren Eltern in die südfranzösische Hafenstadt Sète. In Paris studierte sie zunächst Literatur, Philosophie und Kunstgeschichte, bevor sie sich für die Fotografie interessierte. Erst später entdeckte sie als Autodidaktin die Welt der Bewegtbilder. Sie hat mehr als 30 Filme gedreht, die halbe Welt fotografiert und ist mittlerweile auch als Installationskünstlerin international bekannt.