Kino

Krawall im All

Archivartikel

„Captain Marvel“: Brie Larson kämpft sich als erste Solo-Heldin durchs Marvel-Universum

Zunächst einmal ein Dank an Stan Lee. Im üblich blitzschnell geschnitten Marvel-Vorspann ist diesmal der im November 2018 im Alter von 95 Jahren verstorbene (Mit-)Schöpfer von Kino-Fixgrößen wie Iron- oder Spider-Man zu sehen. Selbst ist er zum Superhelden geworden, als formidabler Umsatzmacher des Marvel Cinematic Universe (MCU), der sich in den zahllosen Adaptionen seiner Vorlagen wie Alfred Hitchcock stets einen Cameo-Auftritt gönnte – sehr zur Freude seiner Fans.

Teil der Vorgeschichte

Selbst in den Pressevorführungen ging gerne ein Raunen durch die Reihen, wenn der Maestro auf der Leinwand erschien, ein cineastischer, überaus seltener Adelsschlag. Damit ist es nun mit „Captain Marvel“, dem 21. MCU-Abenteuer, vorbei. Den ersten Soloauftritt einer weiblichen Superheldin – Konkurrent DC Comics legte mit „Wonder Woman“ erfolgreich vor – steht an, der Film reiht sich in der MCU-Timeline an zweiter Stelle hinter „Captain America: First Avenger“ ein, ist somit ein weiteres Prequel zur Vorgeschichte diverser Übermänner, von „Thor“ über „Black Panther“ bis hin zu „Doktor Strange“. Verwirrend? Mag sein. Aber dieses Schachtelprinzip kennt man bereits von den „Star Wars“-Epen und ist für Fans Teil des Vergnügens.

Als Laie darf man ratlos die Schultern zucken, dem Spaß – mag man diese Art Unterhaltung – tut dies jedoch wenig Abbruch. Die einzelnen Werke funktionieren durchaus für sich selbst. Diesmal vor allem wegen der geerdeten Heldin, die von Oscar-Preisträgerin Brie Larson („Raum“) mit Charme und einer Portion Selbstironie verkörpert wird. Im Nahkampf mit ihrem Mentor, Vorgesetzten und Ausbilder Yon-Rogg (Jude Law) lernt man sie kennen. Sie ist da bereits im Vollbesitz ihrer Superkräfte, kann diese ob ihres aufbrausenden Temperaments jedoch noch nicht wirklich kontrollieren. Sie ist Testpilotin bei der Air Force und Mitglied der Starforce – sprich die Handlung springt zwischen zwei Zeitebenen, den 1990ern auf unserer Erde und der Zukunft in weit entfernten Galaxien.

Die Story selbst ist gewohnt dünn, es geht um einen (interstellaren) Informanten, den es zu befreien, einen Spion, den es zu enttarnen gilt. Zwei Alien-Rassen, die Skrull und die Kree, ringen um die Vorherrschaft im Universum. Schnell gerät Carol Danvers alias Captain Marvel, die von Erinnerungen aus ihrem früheren Leben geplagt wird, zwischen alle Fronten, weiß bald nicht mehr zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Eine Verbündete findet sie in ihrer afroamerikanischen Fliegerkollegin „Photon“ Rambeau (Lashana Lynch), Nick Fury (Samuel L. Jackson) steht ihr zur Seite, eine zwiespältige Rolle spielt die „Supreme Intelligence“ (= „Oberste Intelligenz“) in Person von Annette Bening.

Große Portion Humor

Viel Personal und einige Nebenstränge werden im Verlauf der gut zweistündigen Laufzeit verknüpft. Aber das ist nicht wirklich wichtig. Das „Half Nelson“-Regie-Duo Anna Boden und Ryan Fleck – gemeinsam mit Geneva Robertson-Dworet („Tomb Raider“) auch die Drehbuchautoren – punktet mit sorgfältiger Figurenzeichnung, popkulturellen Referenzen und einer ordentlichen Portion Humor. So wird etwa eine Blockbuster-Videofiliale besucht, wo Ms. Marvel das Cover des Raumfahrtklassikers „Der Stoff aus dem die Helden sind“ bestaunt, man erfährt wie Mr. Fury sein linkes Auge verliert und einer Katze kommt eine wichtige Rolle zu.

Dazu der übliche Krawall im All – den man technisch schon besser gesehen hat –, einige schöne Gestaltwandler-Szenen und natürlich der vorausschauende Teaser auf die nächste Folge, in diesem Fall „Avengers: Endgame“. Alles wie gehabt – nur mit ein wenig Retro-Schick und Reflexion. Das will bei dieser Art Effekte-Spektakel schon etwas heißen.