Kino

Kriegs- und Kindheitstraumata

„Goodbye Christopher Robin“: Auf den Spuren von „Pu der Bär“-Autor Alan Alexander Milne

Schriftsteller verbergen sich hinter in ihren Werken, Filmemacher machen sie auf der Leinwand sichtbar und versuchen, in deren Inneres vorzudringen. Marc Forster hat sich beispielsweise in „Wenn Träume fliegen lernen“ mit dem „Peter Pan“-Schöpfer J.M. Barrie auseinandergesetzt, Rupert Everett beleuchtet in „The Happy Prince“ als Regisseur und Hauptdarsteller die tragischen letzten Tage von Oscar Wilde. Hoch geschätzte Autoren sind beide, mit ihren inneren Dämonen haben sie gerungen, wie auch Alan Alexander Milne (1882 - 1956), dem sich Simon Curtis („My Week with Marilyn“) in „Goodbye Christopher Robin“ annähert.

Blockiert durch den Krieg

Aus dem Ersten Weltkrieg kehrt der renommierte Bühnenautor zurück, seine Komödien werden im West End gefeiert, er selbst leidet, vom blutigen Sterben in den Schützengräben innerlich versehrt, an einer Schreibblockade. Um diese zu überwinden, zieht er mit seiner Frau Daphne (Margot Robbie) und ihrem Sohn Christopher Robin, genannt Billy (Will Tilston), in ein idyllisch gelegenes Landhaus nach Sussex.

Hier will Milne (Domhnall Gleeson) einen Anti-Kriegs-Roman schreiben – zum Ärger seines Verlegers Rupert (Richard McCabe), der sinkende Verkaufszahlen fürchtet, und der Gattin, die den High-Society-Rummel in der Themse-Metropole vermisst.

Die Welt der Milnes ist aus dem Lot, die Eheleute sind sich fremd geworden, das Kind ist ihnen eher Last als Freude. Als Hilfe wird Olive (Kelly Macdonald) – sie fungiert zugleich als Erzählerin – engagiert, die dafür sorgt, dass sich die Stimmung bessert, während die launenhafte Daphne nach London übersiedelt.

Als das Kindermädchen zu ihrer todkranken Mutter reist, muss der überforderte Papa sich plötzlich alleine um den Sohn kümmern. Gemeinsam durchstreifen sie die Natur, ersinnen Geschichten über Billys Kuscheltiere. Der Illustrator E.H. Shepard (Stephen Campbell Moore) wird eingeladen – „Pu der Bär“ und seine Freunde sind geboren.

Es ist ein vielschichtiger Plot über die Genese einer erfolgreichen (Kinder-)Buchserie, über schwierige häusliche Verhältnisse und über den Preis, den man für den Erfolg zahlt. Denn schnell wird Billy, der die berühmten, bis heute beliebten Figuren (mit-)erfunden hat, zum Star. Fotografen und Journalisten zerren ihn ans Licht der Öffentlichkeit, im Internat wird er ob seiner Popularität gehänselt. Die Eltern verstehen es nicht, ihn zu schützen, stellen ihn zur Schau, genießen den Ruhm.

Ein lebenslanges Trauma hat das für den Jungen zur Folge, als Soldat an die Front treibt ihn das sogar, später wird er die Tantiemen, die ihn zum reichen Mann machen würden, nicht annehmen und seinen Lebensunterhalt als Tischler und Buchhändler verdienen.

Gekonnt taucht der Filmemacher in eine in Sachen Ausstattung und Kostüme perfekt nachempfundene Welt ein, die Kameramann Ben Smithard („Dido Elizabeth Belle“) in ein geradezu märchenhaftes Licht taucht.

Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen, von den Ursprüngen des inzwischen alltäglichen Medienhypes wird erzählt. Nanny Olive, einfühlsam von Macdonald („Boardwalk Empire“) gespielt, wächst dem Zuschauer ebenso ans Herz wie der kleine Sympathieträger Tilston mit seinem offenen Gesicht und den neugierigen Augen. Als frühes, ebenso attraktives wie elegantes Partygirl gefällt Robbie („I, Tonya“), unnahbar, rätselhaft, bleibt Domhnall Gleeson („Ex_Machina“), was durchaus zu seiner verschlossenen Rolle passt.