Kino

Der neue Film Mike Newell adaptiert in der Komödie „Deine Juliet“ mit Lily James und Michiel Huisman einen erfolgreichen Briefroman

Liebe in (Nach-)Kriegszeiten

Mike Newell, Jahrgang 1942, geboren in St. Helens, Merseyside, ausgebildet in Cambridge, ist ein Regisseur vom alten Schlag – vielseitig, effizient, wandlungsfähig. Sein Handwerk lernte er bei Granada Television, sein Ziel war ursprünglich das Theater. Fürs Fernsehen inszenierte er Stücke von David Hare und David Edgar, von John Osborne und Jack Rosenthal ebenso wie Episoden der überaus populären Serie „Coronation Street“.

1981, da war er schon 18 Jahre für den kleinen Bildschirm tätig, wandte er sich erstmals dem Kino zu, mit „Böses Blut“, einem im Neuseeland angesiedelten Thriller, in dem ein Serienkiller gejagt wird. Den internationalen Durchbruch schaffte er vier Jahre später – in Cannes mit einem Nachwuchspreis ausgezeichnet – mit der mörderischen Amour fou „Dance with a Stranger“, der wahren Geschichte von Ruth Ellis, der letzten Frau, die in Großbritannien hingerichtet wurde.

Ein Händchen für Liebesromanzen

Nach eigenen Worten „ein kleines Projekt“, jedoch mit großer Wirkung. Das belegt ein Blick auf seine inzwischen 80 Arbeiten umfassende Filmografie, wo sich ganz verschieden gelagerte Hits wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“, der Gangsterfilm „Donnie Brasco“, die Julia-Roberts-Romanze „Mona Lisas Lächeln“, „Harry Potter und der Zauberkelch“ oder „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ finden. Unterschiedlichste Genres für unterschiedliche Zielgruppen. Die Fans gepflegter Unterhaltung, ein Literatur-affines Publikum hat Newell nun mit „Deine Juliet“ im Auge, der Adaption von Mary Ann Shaffer und Annie Barrows’ Briefroman, der im Original den wunderbaren Titel „The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society“ trägt.

Dieser Verein, die „Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“, weckt das Interesse der ambitionierten jungen Schriftstellerin Juliet Ashton (Lily James), die 1946 im zerbombten Nachkriegs-London lebt.

Sorglos eigentlich, hat sie doch gerade mit einem humorvollen Bändchen kleiner Alltagsbeobachtungen einen Bestseller gelandet. Ihr schwuler Verleger (Matthew Goode) liegt ihr ebenso zu Füßen wie ihr steinreicher US-Verehrer Mark (Glen Powell), der sie heiraten und nach New York mitnehmen möchte. Ein durchaus verlockendes Angebot, wäre da nicht dieses Schreiben, das ihr eines Tages ins Haus flattert. Der attraktive, literaturbegeisterte Farmer Dawsey Adams (Michiel Huisman) ist der Absender, er lebt auf der abgelegenen Kanalinsel und ist auf der Suche nach einem speziellen Buch, wofür er Juliet um Hilfe bittet. Der Brief rührt sie.

Umso mehr, als sie erfährt, dass sein Verfasser zusammen mit einigen Bewohnern den genannten Lesezirkel gegründet hat. Dessen liebenswerte, teils exzentrische Mitglieder halfen sich mit Lesen über die schwere Zeit während der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkriegs hinweg.

Juliet beschließt kurzerhand, nach Guernsey zu reisen und über den Buchclub zu schreiben. Auf dem Eiland angekommen, lässt sie die Geschichte ihrer Bewohner schon bald nicht mehr los … Eine Lovestory, keine Frage – und auch das Happy End ist abzusehen. Aber der Weg dorthin ist alles andere denn konventionell. Distanziert geben sich die Insulaner dem aufgeregten, stets adrett gekleideten Neuankömmling zunächst.

Geheimnisvoller Hintergrund

Ein Geheimnis umgibt die verstorbene Gründerin der Gemeinschaft, niemand will erzählen, was mit der mysteriösen, stark idealisierten Elizabeth (Jessica Brown Findlay) geschehen ist. Vor und zurück geht es in der Zeit, selbst gebrauter Gin wird getrunken, ein heimlich geschlachtetes Schwein bei einem Festmahl verspeist. Juliet, deren Eltern bei einem „Blitz“, einem der Bombenangriffe auf die Themsemetropole, ums Leben gekommen sind, fühlt sich immer stärker zu Dawsey hingezogen. Die Versatzstücke, die Wendungen, die Konstellationen sind bekannt. Sorgfältig sind die Figuren gezeichnet. Darunter das örtliche Schandmaul Charlotte Stimple (Bronagh Gallagher), die neugierige Zimmerwirtin der Nachwuchsautorin, die etwas verhärmte Amelia (Penelope Wilton), die aufgekratzte, leicht wunderliche Isola (Katherine Parkinson) und der schweigsame Senior Eben (Tom Courtenay).

Wie bei britischen Produktionen gewohnt, sind Ausstattung und Kostümbild makellos – nur in den Schatten gestellt von der pittoresken Landschaft, die Kameramann Zac Nicholson in schwelgerischen Tableaus einzufangen versteht.